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Als Wien eine Skyline bekam

Ende der 1990er-Jahre schoss Wien in die Höhe. Wolkenkratzer, Stadtquartiere schufen Landmarks, die heute kaum aus dem kollektiven Wiener Bewusstsein wegzubringen sind. Dabei waren Planung und Bau nicht immer friktionsfrei.

Autor: Charles Steiner

Seit Jahren laboriert Michael Toj-ner am Projekt Heumarkt, dort, wo das in die Jahre gekommene Hotel InterContinental steht. Und der Platz für den Wiener Eislaufverein. Als er vor fünf Jahren mit seiner Wert-Invest das über 50 Jahre alte Hotelgebäude im Dritten gekauft hatte, wollte er damit eine Landmark mit einem 73 Meter hohen Neubau schaffen - samt der Renovierung des ebenfalls bereits antiquierten Eislaufplatzes. Wäre alles gut verlaufen, hätte Tojner im Vorjahr bauen können. Doch daraus wurde nichts. Bürgerinitiativen und sogar die UNESCO laufen Sturm, Letztere droht gar mit der Aberkennung des Weltkulturerbestatus für die Wiener Innenstadt. Da halfen auch zahlreiche Adaptionen der Originalpläne nichts. Und jetzt hat sich auch die Grüne Basis gegen dieses Projekt gestellt. Veränderungen sind dem Wiener nicht geheuer. Und so wird weitergestritten. Für den roten Bezirksvorsteher Erich Hohenberger ist der Widerstand unverständlich, vor allem, weil der Eislaufplatz derart marode ist, dass er womöglich in Bälde keine Betriebsgenehmigung mehr bekommen dürfte: "Da kommt ein Investor, der das alles finanziert - den Eislaufplatz saniert, einen Durchgang zum Konzerthaus schafft, der Sommerveranstaltungen ermöglicht und dort sogar eine Sporthalle für das akademische Gymnasium baut. Das kann sich die Stadt Wien in 100 Jahren nicht leisten", erzählt er in urigem Wienerisch.

"Ein Bollwerk"

Das Problem mit Widerständen bei Projekten kennt Hohenberger nur zu gut. Bereits als der Bahnhof Wien-Mitte hätte erneuert werden sollen, regte sich in der Bevölkerung breiter Widerstand. Und der Investor, die BAI, hatte damals eine lange Durststrecke vor sich - die erst nach 13 Jahren und Dutzenden Abänderungen ein Ende gefunden hat. Und auch damals hatte die UNESCO sich gegen das ursprüngliche Konzept, das mehrere Türme vorgesehen hatte, beharrlich gesträubt. Türme gibt es dort - bis auf das nahegelegene Justizzentrum Wien-Mitte, das sich seit 2003 in den Landstraßer Himmel emporreckt - jetzt zwar keine. "Aber ein Bollwerk", wie Hohenberger schnippisch hinzufügt.

Ungeliebte Wahrzeichen

Was in Wien besonders auffällig ist: Mittlerweile gibt es viele Projekte, die inzwischen im kollektiven Bewusstsein des Wieners verankert sind und die er sich insgeheim auch nicht wegdenken will. Millennium Tower, Donaucity mit dem DC Tower, ja sogar am Wienerberg stehen Landmarks, die man durchaus auch als Wahrzeichen bezeichnen könnte. Friktionsfrei gebaut wurden diese Immobilien allerdings nicht immer. Als etwa geplant wurde, die Donauplatte nach gescheiterten Expo-Plänen zu entwickeln, war das sogar Thema in Ernst Hinterbergers Fernsehserie "Kaisermühlen Blues". Natürlich wurde der Plan kritisch beäugt - und der Fernseh-Bezirksvorsteher sah sich gleich mit einer ganzen Schar von Kritikern konfrontiert. Der Bezirksvorsteher im realen Leben, Ernst Nevrivy, erinnert sich: "Die Donaustadt hat in den vergangenen Jahren ihr Gesicht merklich verändert. Fand die Gründerzeit rund um den Ring um 1900 statt, so befinden wir uns in der Donaustadt gerade mittendrin. Dazu zählt auch die moderne Architektur eines modernen Wien." Als Bezirk habe man in die Planungen für die Donauplatte freilich keinen Einfluss gehabt, die Gründe gehören der Stadt Wien und sind Stadtentwicklungsgebiet. Dennoch hat die Verbauung der Donaustadt auch einiges gebracht, wie Nevrivy erzählt - und die Werbetrommel für den Bezirk rührt: "Vielfältige Infrastruktur und zwei U-Bahnlinien zeigen, dass unser Bezirk gedeiht. Wir sind nicht umsonst der am schnellsten wachsende - und damit offenbar beliebteste - Bezirk österreichweit!" Ob das die Bürgerinitiativen damals auch bedacht haben? Das Immobilien Magazin hat im Zuge der Danube Flats schriftlich angefragt. Eine Antwort gab es bis dato nicht.

Kampf gegen Danube Flats

Und obwohl die Donauplatte mit dem DC Tower, der UNO-City und den anderen dort befindlichen Türmen mittlerweile eine durchaus newyorkeske Skyline hat, geben die Bürgerinitiativen nicht auf. Davon wissen die S+B und Soravia ein Lied zu singen. Jüngster Zankapfel: Die Danube Flats, die in unmittelbarer Nähe zum DC Tower und vor dem Seidler Tower geplant sind. Sie sollten Wiens höchster Wohnturm werden, mit 520 Wohnungen, 150 Metern Höhe und allen architektonischen Finessen. Und es ist ausgerechnet die Bürgerinitiative Kaisermühlen, die heute (wie in etwa in der Serie damals) Verschlechterungen der Lebensqualität befürchtet.

Das kann sich die Stadt Wien in 100 Jahren nicht leisten!

Höher als geplant

Widerstand gab es auch gegen Wiens ersten Büroturm über 200 Meter, den Millennium Tower, der 1999 eröffnet wurde und mittlerweile fest im Wiener Stadtbild verankert ist. Ursprünglich hätte der Turm gar nicht so hoch sein sollen, denn das Plandokument sah 120, höchstens 140 Meter vor. Zwei Milliarden Schilling investierte Bauherr Georg Stumpf damals in seinen Turm. Dass er dann doch 202 Meter maß, war Stumpfs Hartnäckigkeit geschuldet - und die Grünen tobten damals. Dennoch: Stumpfs Ziel, das Grundstück mit mehr Fläche zu optimieren, konnte vollbracht werden - die "Fehlbauten" aus Sicht der Grünen wurden von den Behörden im Nachhinein genehmigt. Wien wurde um ein Wahrzeichen reicher. Obwohl das nie Stumpfs Absicht war, wie er später zugab.

Standhaft trotz Widerstand

Ein ähnliches Bild auch beim Raiffeisen-Holding-Hochhaus, das 2012 fertiggestellt wurde. Schon Jahre zuvor hatte die Initiative Denkmalschutz Sturm gegen das Projekt gelaufen. Mit denselben Argumenten wie bei ohnehin fast allen Hochhäusern in Wien: "Zu hoch", "beeinträchtigt das historische Stadtbild" und, was man im Zuge des Heumarkts auch immer öfter hört, es sei zu nahe an der Kernzone des Weltkulturerbes Innere Stadt, das am Donaukanal endet. Die Proteste nutzten nichts, der Büroturm wurde gebaut, illuminiert Wiens nächtlichen Himmel mit bunten Lichtspielen - und der Weltkulturerbestatus ist weiterhin vorhanden.

Turm in Meidling? Nicht mit uns!

Noch immer versuchen Bürgerinitiativen, so manches Projekt zu verhindern. Etwa in Wien-Meidling. Dort sollte von der HPD-Holding auf den Kometgründen ein 60 Meter hoher Büroturm samt Einkaufszentrum entstehen. Nur: Die BI Kometgründe will das nicht, man will lieber Bebauungen in ortsüblicher Höhe und Geschäftsflächen im Erdgeschoß. Man argumentiert mit verstärktem Verkehrsaufkommen durch das Einkaufszentrum und hat dafür prompt prominente Unterstützer auf den Plan gerufen: Mit den Schauspielern Karl Markovics, der mit "Die Fälscher" einen internationalen Erfolg eingefahren hat, Katharina Stemberger, "Wutbürger" Roland Düringer oder Herwig Seeböck sucht die Bürgerinitiative Stimmung gegen dieses Projekt zu machen, das vom Schloss Schönbrunn aus markant sichtbar sein würde. Dem Ansinnen war wenig Erfolg beschieden - im Vorjahr, ein Tag vor Weihnachten, trudelte die Baugenehmigung der MA46 ein. Noch hat die Bürgerinitiative einen Trumpf im Ärmel: Sie könnte den Verwaltungsgerichtshof anrufen. Bauaufschiebende Wirkung hat das aber nicht.

Zukunft für Eislaufverein ungewiss

Ob die vielen Projekte, gegen die protestiert wurde und die dann doch noch gebaut wurden, ein Trost für Michael Tojners Projekt am Heumarkt sind? Das bleibt abzuwarten. Bis dahin gehen die politischen Wirren allerdings weiter. Wie dann die Zukunft Wiener Eislaufvereins aussehen wird - das steht ebenfalls in den Sternen.

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Kommentare

Tagträumer | 03.05.2017 06:46

...jegliche Veränderung birgt ein gewisses Risiko, aber hätte es nicht Leute gegeben, die sich mehr getraut bzw. investiert hätten - wir würden heute noch in Erdlöchern und Bretterbuden hausen?