Immobilien Magazin
Thomas Rohr

Billiges Wohnen oder „der Tanz um das goldene Kalb“

Volles Rohr – von und Mit Thomas Rohr

Der Markt ist nicht Gott; wenn man aber gegen seine „Gebote“ verstößt, wird man furchtbar bestraft. Der Markt ist nämlich das Ergebnis der Entscheidungen von Hunderttausenden oder Millionen Menschen, das von Politikern nicht in naiver Weise korrigiert werden kann.

Bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges wurden Wohnhäuser in Österreich von Privaten gebaut. Der Krieg führte zu Einwanderungswellen, großer Wohnungsnot und Mietzinswucher. Dagegen wurden Notstandsverordnungen erlassen, die 1922 zum MG 1922 ausgeformt wurden und bis 1981 Geltung hatten.

Seit 1918 glaubt man in ideologischer Verblendung, dass der Staat die Aufgabe des Wohnungsbaues übernehmen müsse. Gemeindebauten wurden mit Steuergeldern errichtet und in Bezug auf die Errichtungskosten unverhältnismäßig billig vermietet. Das MG 1922 sah drastische Mietzinsbeschränkungen für die bestehenden Wohnhäuser vor.

Die staatliche Billig-Konkurrenz und die rigorose gesetzliche Mietzinsbeschränkung erstickten jeden privaten Wohnbau zur Gänze. Die damals Regierenden waren stolz auf ihr Werk. Nach der teilweisen Zerstörung der Häuser im 2. Weltkrieg wurden der Wiederaufbau und die Sanierung beschädigter Wohnhäuser durch außerordentlich günstige staatliche Kredite mit Laufzeiten von 75 bzw. 100 Jahren gefördert. Auch hier gab es keinen Anreiz für private Investoren.

So blieb der Wohnbau bis heute weitgehend der staatlichen Finanzierung überlassen; dies bedeutet, dass 50–70 Prozent der Baukosten nicht der Konsument, sondern der Steuerzahler trägt.

Der gesamte Wohnbausektor war damit dem freien Markt entzogen. Der Politik wurde so reichlich Gelegenheit geboten, den privaten Hausbesitz als „Zinsgeiertum“ anzuprangern und stolz auf die Bauleistungen des Staates um Steuergelder zu sein.

Eigentumswohnungen wurden bis vor einigen Jahren ohne Förderung nicht gebaut, weil sie zum Marktpreis nicht verkauft werden konnten. Eine Ausnahme hiervon bildeten lediglich die wenigen Spitzenlagen. Erst nach Ausbruch der Schuldenkrise 2008 und in Ermangelung anderer „sicherer“ Anlageformen wurde den Eigentumswohnungen langsam ein höherer Wert beigemessen.

Die furchtbaren Folgen einer Entwicklung, in der ein ganzer wichtiger Wirtschaftssektor dem Markt entzogen wird, treten immer stärker zu Tage: Das heutige Endergebnis ist, dass sich tatsächlich der Normalverdiener in Österreich ordentliches Wohnen um eigenes Geld nicht leisten kann – auch wenn das geförderte Wohnen noch durch Mietzins- und Wohnbeihilfen gestützt wird. Das Rauschgift der Förderungen hat im Wirtschaftsorganismus des Staates den Bereich Wohnbau bereits zerfressen. All dies in einem der reichsten Länder der Welt, das sich keineswegs in einer Wirtschaftskrise befindet!

Der Lösungsansatz für den Wunsch, „Wohnen wieder leistbar zu machen“, ist aber nicht die künstliche Verbilligung von Wohnungen, sondern die Förderung von Ausbildung, Investitionsbereitschaft und Wettbewerb. Mit diesen steigen die Löhne und sinken die Preise. Wohnen muss das kosten, was sich bei scharfem Wettbewerb am Markt ergibt. Die Menschen aber müssen in die Lage versetzt werden, so viel zu verdienen, dass sie sich diese Kosten leisten können und wollen.

Der Tanz um das Goldene Kalb, nämlich um das Grundbedürfnis „Wohnen, das nichts kosten darf“, muss endlich beendet werden.