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Lokal der Woche: Brasserie Colette - ein neuer Star

In Berlin gibt es so viele verschiedene Lokale und Lokal-Typen, wie Sand an der Nordseeküste. Es ist schwierig herauszustechen - egal wie erfahren die Gastronomen auch sind, die hinter einem noch so motivierten Lokalkonzept stecken. In den Olymp der Alltime-Highs, wie es etwa das Borchert oder das Grill Royal geschafft haben, gelangen nur wenige. Aber es gibt Anwärter. Das beweist ein Besuch in Tim Raues wunderbaren Brasserie Colette. Hier wird so vieles so hingebungsvoll richtig gemacht, das muss einfach - in Hinblick auf den Olymp - gut gehen.

Autor: Barbara Bartosek

Die Räumlichkeiten sind ungewöhnlich. Man hat es mit einem sehr modernen Brasserie-Style zu tun, der an der einen Ecke ins industrielle Design abgleitet, um in der nächsten Ecke warme, holzlastige Zigarrenclub-Atmosphäre zu versprühen. Das überraschende daran ist, dass es nicht überrascht. Es wirkt vielmehr stimmig, ja, direkt passend und taucht die Sache in ein besonderes Flair, das auch den Aufenthalt sofort irgendwie besonders macht. Aber nun zum Hauptsächlichen, der Küchenperformance. Auch hier trifft man auf Harmonie. Und findet vermeintlich Derbes gepaart mit purer Eleganz auf seinem Teller. Serviert auf edlem Steingut, begleitet von wunderbaren Weinen. Die Tische haben Marmorplatten, die durch einen für Brasserien typischen Papierbogen geschützt werden, auf denen man sich über das Angebot der Küche informieren kann. Und das Angebot der Küche ist eine geglückte Mischung aus konsequent eingesetzten französischen Komponenten und originellen Gastauftritten, die bis ins Asiatische reichen. Den ersten Eindruck vermittelt dabei ein extragutes Baguette, klassisch gesalzene, französische Butter und selbst eingelegte Cornichons, die sehr intensiv süß-sauer ausfallen und einem gleich einmal die erste Freude bereiten.

Produkte aus Frankreich

Das Menü-Debüt macht dann ein Kaninchenconfit mit Feigen, Brioche und Schnittlauch. Was auch gleich einem Zitat des Interieurs gleich kommt - Senfsaat und Kräuter machen es erdig, das feine Confit selber, begleitet von der leichten Süße des Brioches, macht es quasi „nouvelle“. Zusammen vereint eine wunderbare Sache und ein überzeugender Start. Vermeintlich klassisch geht es weiter. Denn die „ordinäre“ Zwiebelsuppe, die von auf Etageren servierten Flammkuchen aufgelockert werden soll, fällt so intensiv aus, dass sie unter Garantie polarisiert. So auch beim Lokaltest - der eine liebt sie, der andere hätte lieber sehr viel weniger von jeglichen Geschmacksnuancen. Die da wären salzig, sauer, scharf. Eine kräftige, dunkle Suppe, die nicht davor zurückschreckt ihre eigene Identität bis zum Äußersten auszureizen. Ich fand es sehr reizvoll, diesen Klassiker derart zu potenzieren. Und weiter geht es, nach spontan selbst definierter Pausenlänge, mit einem Wollschweinkarree, das sich mit Sommergrünkohl, Sardellenbutter und einer (absolut fabelhaften) Gratincrème in bester Gesellschaft befindet. Die Menüportion ist frappierend groß, aber das soll nicht abschrecken. Das Wollschwein selbst ist außen äußerst knusprig und innen zart... aber vielleicht nicht ganz so zart, wie man zu hoffen wagt. Dafür ist die Komposition an sich wieder durch und durch gelungen - der salzige Kohl mit der molligen Crème, der originelle Touch mit der Sardellenbutter. Auch wenn man es aus der Karte nicht unbedingt herauslesen kann - der naheliegende Tim Raue-Asia-Touch bleibt am Teller nicht verborgen. Und passt. Nun. Und dann kam das Pain Perdu. Mit Salzbutter (habe ich schon den sympathisch beherzten Einsatz von Salz erwähnt?), Kaffeekrokant und Rahmeis hat es uns das Herz gestohlen. Dieses Pain Perdu ist eine Offenbarung an Flaumigkeit, die in einer verführerischen Zucker-Zimt-Kruste steckt, so gut, dass es einem die Tränen der Rührung in die Augen treibt. Die sind mit aber dem passenden Süßwein schnell wieder heruntergeschluckt, schließlich will man Haltung bewahren. Die Weinbegleitung ist übrigens generell außergewöhnlich, man kann sich auch als Weinkarten-Kontrollfreak getrost einmal ein wenig zurücklehnen und sich im Vertrauen üben.

Das Highlight unter den Highlights

Nun muss noch ein Wort über das Service verloren werden - und gehen wir mal davon aus, dass unser bemühter Gastgeber (oder eine ähnlich geschulte Fachkraft) an jedem Abend für das Wohl der Gäste sorgt: Herausragend. So kompetent, so unaufdringlich und dennoch mit einer persönlichen, charmanten Note, so aufmerksam und jeden Wunsch von den Augen ablesend, so vertrauenserweckend und in jeder Hinsicht „gerade richtig“ wird man selten durch einen kulinarischen Abend geleitet. Besser geht es nicht. Punkt. Und genau dieser Punkt macht den Abend dann schlussendlich auch wirklich perfekt und man wünscht sich ganz bald und ganz oft wieder zu kommen. In die Brasserie Colette in Berlin.

Bonuskategorie 'Brasserie nouveau': 10/10

Service: 10/10 (Plus 2 Bonuspunkte für ... einfach alles)

Preis/Leistung: 10/10

Küche: 8/10 (plus ein Bonuspunkt für das Pain Perdu)

Getränkekarte: 8/10

Location: 8/10

Hundefreundlichkeit: ohne Wertung

Feedback und Anregungen bitte an: b.bartosek@imv-medien.at

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