Immobilien Magazin

Das Fischwunder in der Reißbrettstadt

Die letzte Seite, von Thomas Rottenberg

Koi oder Nichtkoi, das war die Frage, die die Anlageberater beschäftigte. Ich aber fragte mich:

Wie kommt überhaupt ein Fisch in den Schotterteich?

Von Fischen habe ich keine Ahnung. Darum habe ich mich rausgehalten: Die Frage, ob da zwei echte Koi-Karpfen vorbeigeschwommen wären oder doch zwei andere Fische, war für mich aber sowieso erst das zweite Thema. Oder das dritte.

Was mich viel mehr interessierte: Wie konnte überhaupt ein Fisch hierher kommen? Und: Wieso wurde der Projektmanager fast panisch?

Es war so: Wir – eine Gruppe von Bank-Anlageberatern und ich – standen an einem Schotterteich. Der Teich war ganz frisch ausgehoben worden. Als Herzstück einer Stadtrand-Reißbrett-Mustersiedlung. Die Bankmenschen sollten sehen und spüren, was für Immo-Beteiligungen sie ihren Kunden verkauften.

Mein Job: Reiseleiter und Animateur. Den Bezug zum Objekt verstärkt man durch „Anpacken“. Wir bauten einen Steg. So was funktioniert. Bis einer rief: „Schaut mal! Da sind Kois!“

Die Diskussion war heftig – und ging in die falsche Richtung: Wer würde schon sauteure Kois hier züchten? Keiner der Anlageexperten stellte die naheliegende Frage: Wieso waren da überhaupt Fische? Schließlich war der Teich gerade ein paar Wochen alt. Außer Baumaschinen gab es hier nichts. Wie also kamen die Fische in den Teich in der G’stetten?

Die Antwort kam von einem Bauarbeiter. „Du denkst falsch. Und schaust zu wenig“, verlachte er mich. „Die Natur braucht uns nicht.“ Dann zeigte er auf den Teich. Da schwammen Enten. „Die waren das, Stadtkind!“

Ich verstand nicht: „Entweder haben sich die Fischeier in den Federn verfangen. Oder sie waren in irgendwas, was die Enten gefressen haben. Hier ist der Laich wieder rausgekommen. Das hat sich der Chefarchitekt so ausgedacht – vor Millionen Jahren.“

Beim Wort „Architekt“ fiel mir der Projektbetreiber wieder ein. Ja, sagte der Mann, die Fische hätten ihn nervös gemacht. „Ich hoffe, dass die Anrainer das nicht mitkriegen.“ Wieso? „Wegen denen haben wir hier ein Vogelproblem. Wegen theoretischer Vögel.“

Ich verstand Bahnhof. „Ein Anrainer, der das Projekt nicht mag, hat errechnet, dass hier theoretisch irgendein seltener Vogel nisten wollen könnte. Prompt bekamen wir einen Bescheid, Nistplatzreserven einzuplanen. Für einen Vogel, den hier noch nie wer gesehen hat!“

Ich verstand noch immer nicht. „Das wird ein Schwimmteich. ,Wohnen am Wasser‘ lautet das Motto. Aber wenn der Anrainer das mit den Fischen mitkriegt, kommt sicher ein Bescheid, den Lebensraum der Fische zu schützen.“ Der Projektmensch war verzweifelt. Ich musste schwören, nie von den Fischen zu erzählen.

Unlängst rief er mich an: Der Eid sei hinfällig. Die Fische Geschichte. „Wie das?“, fragte ich – und unterstellte dem Mann, einen ruchlosen Fischmörder gedungen zu haben. „Wo denkst du hin!“, lachte er. „Wir sind hier ja nicht so weit weg von der Donau und den Donauauen. Vor einiger Zeit kamen ein paar Reiher vorbei. Sie standen ein paar Tage auf dem Steg, den ihr gebaut habt. Jetzt sind sie wieder weg. Die Fische auch: Die Natur regelt das viel besser, als wir es je könnten.“ «

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