Immobilien Magazin

Das Unnötige zuerst

Die letzte Seite, von Thomas Rottenberg

Etwas soll nicht vergessen werden? Na dann schreiben Sie doch „das brauchen Sie sich nicht zu merken“ drauf.

Manchmal ist es ganz einfach, Menschen dazu zu bewegen, das zu denken, was sie denken sollen. Darf ich es Ihnen beweisen? Denken Sie bitte jetzt nicht an einen rosa Elefanten. Und stellen Sie sich das Tier auch unter keinen Umständen mit grüngestreifte Ohren vor, die es als Flügel nutzt, um rund um einen Kirchturm zu flattern.

Ich wette: Das hat gerade funktioniert. Und sei es nur für eine Zehntelsekunde: An ihrem geistigen Auge flog ein Dickhäuter vorbei (und zwar allerspätestens jetzt). Der Trick ist alt. „Schau weg“ zieht Blicke magisch an. Was der Lehrer mit „das braucht ihr euch nicht zu merken“ beendete, ist bis heute im Gedächtnis.

Mit diesem Umstand lässt sich allerhand Schabernack treiben. Oder Unheil stiften. Der Flugelefant ist harmlos. Sätze wie „ich möchte keineswegs andeuten, dass Herr X auch ein Kinderschänder sein könnte“ nicht: Einer, dem in der Zeitung „es gilt die Unschuldsvermutung“ nachgerufen wird, ist in den Augen des Publikums erledigt. Weniger tragisch, sondern lustig wird das im Medienalltag, wenn einem erklärt wird, was keine Geschichte wert ist. Ich habe über 100 Leserbriefe, in denen Leser erklären, was sie alles NICHT aus dem Leben des notorischen Baumeisters L. erfahren wollen. Soll sein. Bloß: In jedem dieser Briefe wird präzise und detailreich aufgelistet, was man nicht wissen will. Und in der Regel stammt das Detailwissen genau aus jenen Medien, die nie in die Hand zu nehmen ebenjene Beschwerdeführer stets stolz behaupten.

Unter Journalisten ist das nicht anders: Als einst ein Wienbesuch von Paris Hilton anstand, erklärten Edelfedern, Kultur- und Wirtschaftskapazunder einander ausführlich, warum Frau Hilton keine Zeile wert sei. Die Debatte dauerte über eine halbe Stunde – selten zuvor dürften Wesen und Wirken von Paris Hilton lückenloser dargestellt worden sein. Wieso ich das hier aufzähle? Weil ich ein glühender Fan von derlei unnützem Wissen bin. Irgendwann möchte ich das „Komplettlexikon des nutzlosen Wissens“ schreiben. Was Wien betrifft, sind mir aber gerade ein paar Kollegen zuvorgekommen: „Unnützes WienWissen“ nennt sich ihr Büchlein. Es ist schlicht großartig – und umfasst 100 Seiten Wien-Informationen, die kein Mensch braucht: Dass Giacomo Casanova zu Allerheiligen 1753 den gesamten Kondomvorrat einer Wiener Nonne klaute (und ein Gedicht am Nachtkästchen hinterließ). Dass Tubenzahnpasta in Wien erfunden wurde (1887 in Liesing, „Kalodont“). Dass Josef Lang, der letzte Henker der Monarchie, nach der Abschaffung der Todesstrafe 1918 in Simmering Hausmeister wurde. Dass Schönbrunn einst auch rosa war.

Apropos Schönbrunn und apropos rosa: Auch Wiens Elefanten kommen in dem Buch vor. Den Dung der Dickhäuter kann man nämlich im Wiener Tiergarten kaufen. 30 Kübel täglich. Aber dass ein Kübel 3,50 Euro kostet und das Zeug als „Elefantenglück“ verkauft wird – das brauchen Sie sich jetzt wirklich nicht zu merken. «