Immobilien Magazin

Der Hüter der verlorenen Bücher

Die letzte Seite, von Thomas Rottenberg

Manche Bücher, sagte Z., kämen wieder. Es käme ihm jedenfalls so vor. Aber er dächte immer im falschen Moment daran, eines zu markieren. Nämlich dann, wenn er nicht im Keller am Rand der Stadt stehe – und also keinen Zugriff auf das habe, was da Tag für Tag kistenweise bei ihm lande. Und was er und seine Mitarbeiter dann in immer mühe-, meist aber doch auch liebevoller händischer Sortier- und Katalogisierarbeit in sich labyrinthisch verzweigende Regalreihen in Z.s Keller am Rande der Stadt einschlichten.

Wobei das so nicht stimme: Z. hat zwar einen Keller. Aber der Großteil seiner Schätze lagert überirdisch. In einer Lagerhalle über dem Keller. Aber sogar Z. und seine Mitarbeiter sprechen immer vom „Keller“, wenn sie von Buchrücken in Z.s Antiquariat sprechen. Die Bücher, sagt Z., warten. Denn es kommt schon vor, dass jemand auf der Suche nach einem bestimmten Buchtitel aus einem bestimmten Jahr hier, im Antiquariat am Rande der Stadt, landet. Aber das, sagt Z., sei die Ausnahme.

Da kämen Leute gezielt suchen. Altes. Spezielles. Handverlesenes. Besonderes. Und das lagere nicht hier, in den langen (nebenbei, räumt Z. ein, habe er noch nie nachgerechnet, wie viele Kilometer Bücher er beherberge) Korridoren abgelegten Wissens: Was Z. beim Sortieren von sicher tausend Bücherkisten pro Jahr ins Auge sticht, lagert anderswo. Im Stadtgeschäft. Im Hinterzimmer. Manches im Tresor: Eine handgeschriebene Gesundheits­fibel aus dem 15. Jahrhundert etwa. Die steckte achtlos zwischen erotischen Heftchen und Groschenromanen, die ein die Wohnung der verstorbenen Großeltern schnell-schnell leer haben wollender Jungspund einst abwarf.

Natürlich, sagt Z., tue ihm das weh. Aber das herzlose Abladen vor der Lagerhalle am Rande der Stadt (oder der „Holt euch den Plunder – was ist der Kilopreis?“-Anruf) sei besser als das Entsorgen ganzer Bibliotheken im Müll. Oder Altpapier. DAS, sagt Z., zerreiße ihm das Herz. Sieben Buchhändler-Generationen in der Familie prägen eben. Und seien ein Auftrag. Zu verdienen, sagt Z., gäbe es nichts. Oder wenig: Die paar selten bis nie auftauchenden Juwelen wären kaum relevant. Was er verdiene, käme anderswoher: Von Maklern, Musterhausbauern und Inneneinrichtern. Von Filmsetdekorateuren und Möbelhäusern. Oft auch von neureichen Villenkäufern oder Häusl­bauern: Auch dort, wo nicht gelesen werde, wisse man, dass ein Haus ohne Bücher wie eine Designerküche ohne Töpfe und von Haken baumelndem Kochwerkzeug ist: kalt und leer. Herz und seelenlos.

Darum, sagt Z., liefere er. Auf Bestellung. Nach Laufmeter. Nach Größe. Nach Alter. Nach Farbton (passend zur Raumstimmung). Oft werde gefragt, ob die Bücher nach Staub und Alter röchen. Z. lacht – aber er verlacht oder verachtet diese Kunden nicht. Im Gegenteil: Bücher, sagt Z., sind wichtig. Sie hüten Schätze. Haben Potenzial. Immer. Vielleicht, sagt Z., greift so ein Laufmeterbibliothekenkäufer, seine Kinder, seine Freunde oder seine Gäste, irgendwann einmal ins Regal. Und liest.

Und wenn das passiert, sagt Z., dann hat alles andere, alles davor, einen Sinn. «

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