Immobilien Magazin

Der Mann, der den Eiffelturm verkaufte - zweimal

Manche Verbrechen erscheinen so genial, dass man sie so sehr bewundern muss wie verurteilen. Kaum einer bewegte sich in diesem Spannungsfeld so gekonnt wie Victor Lustig.

Autor: Barbara Wallner

So ein hässliches Gestell, dieser Eiffelturm. Das fasst die Meinung eines großen Teiles der Pariser Bevölkerung bei der Errichtung des nunmehrigen Wahrzeichens zusammen. Schriftsteller und Künstler inspiriert er zu kreativen Beleidigungen: eine "wirklich tragische Straßenlaterne" nennt ihn etwa Léon Bloy, für Paul Verlaine ist er ein "Skelett von einem Glockenturm". Kein Wunder also, dass die Pariser Stadtregierung 1925 statt einer Restaurierung des Turmes auch seinen Abriss in Erwägung zieht. Eine Überlegung, die in der Presse berichtet wird - und so die Aufmerksamkeit eines legendär-genialen Trickbetrügers auf sich zieht.

"Graf" Victor Lustig - weder Titel noch Name sind übrigens echt -, ursprünglich aus dem damals österreichischen Böhmen, verdient sein Geld mit Betrügereien beim Glücks- und Kartenspiel, täuscht sichere Pferdewetten vor und verkauft Gelddruckmaschinen, sogenannte Rumänische Kästchen (unter anderem an den legendären Gangsterboss Al Capone, aber das ist eine andere Geschichte). Als er von einer möglichen Demontage des Eiffelturms liest, wittert er das Geschäft seines Lebens. Er gibt sich als stellvertretender Generaldirektor des Postministeriums aus und schickt eine Einladung an sechs Pariser Schrotthändler in das Hôtel de Crillon an der Place de la Concorde, unter höchster Geheimhaltung natürlich. Er erklärt den Geschäftsleuten, sie seien aufgrund ihrer Seriosität und Vertrauenswürdigkeit ausgewählt worden und er erwarte ab dem kommenden Tag Gebote für die rund 7000 Tonnen Alteisen, zu denen der Turm demnächst werden würde. Um den potenziellen Kunden das Objekt besonders schmackhaft zu machen, führt er sie sogar zum Turm selbst - beim Kassenhäuschen zückt er eine gefälschte Visitenkarte und wird tatsächlich eingelassen. Die Schrotthändler sind entzückt - ist Eisen doch eines der wichtigsten Exportgüter Frankreichs in dieser Zeit des industriellen Aufschwungs. Im Geiste zerlegen sie Balken für Balken und Nut für Nut und rechnen in Gewinn um. Alle wollen sie einander ausstechen.

Sein eigentliches Opfer hat sich Lustig allerdings schon ausgesucht: der unsichere André Poisson, dessen größter Wunsch es ist, in der Pariser Gesellschaft aufzusteigen. Mit einem Coup wie dem Kauf des Eiffelturms wäre dieser Wunsch erfüllt. Poissons Frau allerdings ist weit schwerer zu überzeugen und rät ihrem Mann zur Vorsicht. Lustig setzt ein weiteres Treffen an und erklärt Poisson "im Vertrauen", als Beamter verdiene er sehr schlecht und würde sein Einkommen gerne etwas aufbessern. Poisson versteht sofort: ein Schmiergeld. Das überzeugt ihn von der Echtheit des Geschäfts - wer Schmiergeld fordert, muss Beamter sein.

Wie so oft bei Immobiliendeals ist auch hier der Kaufpreis nicht genau bekannt - man schätzt ihn auf 50.000 Dollar, heute umgerechnet rund 750.000 Dollar für den 324 Meter hohen Turm. Lustig setzt sich mit dem Kaufpreis samt Schmiergeld nach Wien ab und Poisson bleibt turmlos zurück. Hier kommt dem Trickbetrüger wieder die Unsicherheit seines Opfers zugute - denn der geht aus Scham nicht zur Polizei, der Betrug bleibt geheim. Lustig wartet derweil in Österreich auf Zeitungsberichte über seinen Coup. Als er keine findet, macht er das Naheliegende - gleich nochmal den Turm verkaufen. Diesmal aber hat er nicht so viel Glück. Der zweite Käufer geht nämlich zur Polizei, der Betrug fliegt auf. Lustig setzt sich in die USA ab, wo er bis zu seiner Verhaftung 1935 hocherfolgreich als Geldfälscher arbeitet. (Fast) bewundernswert.