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Der neue ÖGNI-Kapitän

Die ÖGNI hat ihre Sturm- und Drangzeit hinter sich gelassen. Jetzt wird professionalisiert und strategisch expandiert. Unter dem neuen Präsidenten Andreas Köttl, der den Gründer Philipp Kaufmann kürzlich abgelöst hat. Gerhard Rodler sprach mit ihm.

Autor: Gerhard Rodler

Die ÖGNI hat ein turbulentes Jahr hinter sich, dass mit einem neuen Präsidenten, nämlich Ihnen, geendet hat. Sehen Sie das als Neustart? Was wird sich unter Ihrer Führung ändern? Andreas Köttl: Ich sehe das nicht direkt als Neustart, eine Zäsur ist es aber schon. Die Phase eins, also die Aufbauphase ist - eigentlich schon längst - abgeschlossen. Jetzt kommt die Phase zwei, nämlich die Konsolidierungsphase, wo es auch darum geht, Strukturen aufzubauen und Prozesse aufzusetzen. Diese zweite Phase anzuführen entspricht ganz meinen Kenntnissen und Interessen. Auch in meinem Beruf bin ich in einer sehr vergleichbaren Funktion tätig.

Transparenz in der ÖGNI auch ein Thema? Köttl: Absolut. Wie bei jedem Start Up hat auch die ÖGNI als non profit Organisation zu Beginn alle Kraft in den Aufbau von Mitgliederzahlen und die Bekanntmachung gesteckt. Dem starken Wachstum entsprechend haben wir die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt.

Die ÖGNI hat sich in gewisser Weise also emanzipiert? Köttl: Ja. Schritt für Schritt stellen wir uns auf neue, eigenständige Beine, bewahren Gutes und organisieren nicht so Gutes neu. Wir stehen jetzt sowohl bei der Kommunikation, als auch der IT auf eigenständigen Beinen. Und wir sind jetzt offen für Partnerschaften in alle Richtungen - beispielsweise auch mit allen Medien.

Wir bringen Softfacts in die messbare Welt der Zahlen.

Werden Sie auch inhaltlich neue Akzente setzen? Köttl: Definitiv. Wobei man sagen muss, dass alles, was wir jetzt verstärkt angehen, vom Know-how her als nicht genutztes Potenzial immer schon da war. Die ÖGNI steht auf den drei Säulen: ökologische Nachhaltigkeit, ökonomische Nachhaltigkeit und soziale Nachhaltigkeit. Vor allem den zuletzt angeführten Aspekt werden wir in Zukunft zusätzlich verstärkt positionieren.

Es gibt ja ein halbes Dutzend an unter einander konkurrenzierender Zertifizierungssysteme. Welchen Stellenwert hat die ÖGNI da heute? Köttl: Wir kommen aktuell auf rund 70 Prozent "Marktanteil", wobei es das Wort Konkurrenz nicht ganz trifft. Jede Zertifizierung hat ihre eigenständige Positionierung. Damit das für die Zielgruppe transparenter wird, suchen wir verstärkt die den Kontak zu den anderen Systemen. Konkret wollen wir bei der Grundlagenforschung gemeinsam vorgehen, bei der Vermarktung unserer Marken natürlich getrennt. Die Nähe suchen wir dabei zur Österreichischen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (ÖGNB).

Ist die Nachfrage nach Zertifizierungen generell gestiegen? Köttl: Definitiv. So bis 2008 habe ich damit wenig anfangen können, das war für meinen Geschmack einfach noch zu wenig mit angreifbaren Zahlen und Fakten hinterlegt. 2015 bin ich noch in Investorengespräche mit der Frage gegangen, ob solche Zertifizierungen gefordert werden. Schon ein Jahr später war das kein Thema mehr, sondern nur noch die Frage zu stellen, welches der Systeme.

Und dabei ist ÖGNI stark nachgefragt? Köttl: Definitiv und dank dem Verbund mit unserem deutschen Kooperationspartner DGNB auch international gut etabliert. Es hängt aber natürlich immer vom Hintergrund des konkreten Investors ab. Viele Systeme haben ihre Berechtigung, wir eben vor allem in Österreich die Lufthoheit.

Bei einem so großen Marktanteil ist ein Ende des Wachstums aber schon in Sicht. Köttl: Ganz im Gegenteil. Ich sehe uns daher auch nicht in einer Konsolidierungsphase sondern dem Beginn des "next levels". Konkret werden wir das Thema Nachhaltigkeit in den Nutzerbereich heranführen. Wir sprechen derzeit im Bereich Wohnbau Systemanbieter wie Fertighausfirmen, aber auch Baustoffanbieter etc an. Dazu gehen wir beispielsweise auf Messen und andere Endkonsumenten-Events. Wir haben dafür aber auch unsere Sprache angepasst.

Wie konkret? Köttl: Einerseits werden wir unseren Mitgliedern die Wichtigkeit von CSR-Berichterstattung näher bringen und unser Engagement bei Baustoff-Dokumentationen forcieren. Andererseits werden wir das Thema Nachhaltigkeit an den Endkunden bringen. Es geht hier eben auch um die Zertifizierung in Richtung sozialer Nachhaltigkeit.

Was meinen Sie damit? Köttl: Wir bringen softfacts wie Wohn- und Standortqualität in die messbare Welt der zahlen und Fakten.

Welche Fakten wären das? Köttl: Beispielsweise Einkaufs- und Gastronomie-Infrastruktur, öffentliche Verkehrsanbindung, Grünflächen, Fahrrad-Abstellplätze bis hin zur Wohnraumakkustik und Beschattung. Das sind beispielsweis Themen, die bei uns in die Quartieszertifizierung hineinspielen. In die soziale Nachhaltigkeit spielt übrigens auch ganz stark das Thema "leistbares Wohnen" hinein, unter dem übrigens derzeit noch jeder etwas Anderes versteht.

A propos leistbar: Verteuert nachhaltiges Bauen letztlich ein Projekt unter'm Strich? Köttl: Eindeutig ja. Mehr Qualität - und nichts Anderes ist es ja - bedeutet naturgemäß auch etwas höhere Kosten. Der zusätzliche Aufwand ist natürlich umso geringer, je früher dieser Gedanke in die Planung einzieht. Und der Mehrwert ist hier in aller Regel ein Vielfaches des finanziellen Einsatzes. Sonst würde es ja auch keiner machen.

Danke für das Gespräch.

3-P-Ansatz

Seit 2012 setzt die Österreichische Gesellschaft für Nach­haltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI), eine Initiative von mehr als 250 Unternehmen, Institutionen und Experten der Bau- und Immobilienwirtschaft, Impulse hin zur einer nachhaltigeren Immobilienwirtschaft. Dafür wurde der sogenannte 3P-Ansatz entwickelt. Dieser Ansatz umfasst Produkte (Green bzw. Blue Buildings und nachhaltige Baustoffe), Prozesse (neue Abwicklungsmodelle, Corporate Governance, CSR und Compliance sowie Risikomanagement) sowie Personen, welche über das notwendige Wissen verfügen.