Immobilien Magazin

Die Entdeckung der Langsamkeit

Das Intro, von Gerhard Rodler

Kennen Sie den englischen Seefahrer und Nordpolforscher John Franklin (1786–1847)? Wenn nicht, so sollten Sie seine Geschichte in Sten Nadolny’s Studie über die Zeit und deren absolute Relativität nachlesen. Nicht, dass ich Ihnen jetzt einen leicht lesbaren Roman schmackhaft machen möchte.

Aber es ist so eine schöne Parabel zum Sinn und vor allem Unsinn von Speed kills. John Franklin ist einer, der vor allem eines ist: unendlich langsam. Damit nervt er seine Umwelt maßlos – und rettet letztlich genau deshalb alle seine (Seefahrer-)Kameraden, weil er Dinge wahrnimmt, die sonst keiner bemerkt. Keiner, weil schon im 18. Jahrhundert die Schnelleren auch die Lauteren, deshalb mehr Gehörten, aber in Wahrheit alles andere als die Besseren waren.

Seither ist alles nur noch viel schlimmer geworden. Wir reisen nicht mehr in 80 Tagen, nicht einmal in 80 Sekunden, sondern im Bereich von Zehntelsekunden um die Welt. Gebäude wurden gekauft, ohne sie jemals richtig gesehen zu haben. Google Earth statt Flugticket war in der Zeit, als in Wahrheit nicht in Immobilien, sondern in die damit verbundenen Mietverträge investiert worden ist, die Devise. Und zum Nachdenken blieb ohnehin keine Zeit, weil sonst der Konkurrent zum Zug gekommen wäre.

War aber eh kein Problem, weil das Objekt wurde so oder so ein, zwei Jahre später an den nächsten verkauft – mit ordentlichem Aufschlag, der auch gezahlt wurde, weil der Käufer ja das Objekt seinerseits wieder mit Gewinnaufschlag drehen wird, und so weiter, und so weiter.

Das waren die Goldenen Immobilienzeiten vor drei oder vier Jahren. Golden? Wohl eher irr.

Jetzt ist das alles wieder etwas anders. Jetzt werden Märkte geprüft, das Objekt ohnedies. Die eigenen Häuser werden sogar gepflegt, in sie, in ihre Aktualisierung laufend investiert. Google Earth statt Flugticket mag da und dort geblieben sein. Aber, was früher 80 Sekunden dauerte, beansprucht nun 80 Minuten. Mindestens. Es ist alles wieder irgendwie normaler geworden. Normal statt Krise? Ja, normal. Weil alles eine Frage der Perspektive ist. Aus der Perspektive der irren 2005er-Jahre mag man eine Krise sehen. Aus der Sicht der normalen Jahre davor ist jetzt vieles wieder eben ganz normal. Aber auch schon nicht mehr.

Männer wie John Franklin würden in der Immobilienbranche grandios scheitern. Sie werden schlichtweg nicht gehört. Immer noch nicht. Es sind genau jene Manager, denen es noch immer nicht schnell genug gehen kann, es sind jene Investoren, die immer noch Jahr für Jahr eine Ergebnissteigerung erwarten und nachhaltig einfordern, koste diese, was sie wolle – und sei es die langfristige Zukunft des Unternehmens.

Unsere wahre Krise liegt darin, dass es uns noch immer nicht schlecht genug geht, um ernsthaft neue Wege zu suchen, ja nicht einmal schlecht genug, um länger als nur kurz über den eigenen Gartenzaun zu blicken. Weil erst wenn es einem Unternehmen, oder einem selbst, so wirklich existenzgefährdend schlecht geht, hält man inne. Und sieht plötzlich Dinge wie John Franklin im zitierten Roman. Das Spannende daran ist: Je länger man hinsieht, desto anders einerseits, aber klarer andererseits wird das Bild, das von Minute zu Minute mehr und bessere Lösungsansätze liefert.

Vielleicht ist dies das wahre (möglicherweise einzige) Übel am digitalen Zeitalter, dass alles sofort erledigt sein muss, weil ja auch (fast) alles an Wissen sofort und weltweit verfügbar ist. Vielleicht hätte es jetzige Weltkonzerne so nie gegeben, wenn sie im heutigen „alles sofort verfügbar“-, „alles sofort zu entscheiden“-Zeitalter gegründet worden wären. Vielleicht brauchen wir aber auch einfach nur ein paar John-Franklin-Typen auf den CEO-Sesseln. «

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