immoflash

Ein Festtag für Österreich

Kaum jemand hat von der Wiedervereinigung Deutschlands mehr profitiert als österreichische Entwickler. Ein Grund, den Tag der Deutschen Einheit einen Tag vor der Expo Real entsprechend zu feiern.

Autor: Charles Steiner

Es war eine Nacht, die man so schnell nicht vergessen wird. Es war eine Pressekonferenz, die vom Politbüro der DDR einberufen wurde und live via Fernsehen und Radio übertragen wurde. Der Journalist von der Bild-Zeitung, Peter Brinkmann, hatte dem damaligen Sekretär des Zentralkomitees der SED für Informationswesen, Günter Schabowski, eine entscheidende Frage zu den neuen Reisegesetzen der DDR gestellt. Sie sollten jedem DDR-Bürger eine Ausreise aus der DDR ermöglichen, etwas, was seit Jahrzehnten undenkbar war. Brinkmann fragte, wann diese Reisegesetze in Kraft treten. Schabowski antwortete, wirkte etwas überrumpelt: "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich." Damit war der Fall der Berliner Mauer eingeleitet. Nur wenige Minuten später drängten Tausende DDR-Bürger zu den Grenzposten, den dort eingesetzten Soldaten blieb nichts anderes übrig, als die Grenzbalken hochzuziehen und die Leute nach Westberlin ziehen zu lassen. Kein einziger Schuss ist gefallen. Knapp ein Jahr später wurde der Einigungsvertrag unterschrieben, es war der dritte Oktober. Damit existierte die DDR nicht mehr, die darin zusammengefassten Bundesländer waren jetzt wieder Teil der Bundesrepublik. Deshalb auch, weil am 3. Oktober der Vertrag unterzeichnet wurde, findet die Expo Real einen Tag später statt. Denn es wird Einigung gefeiert.

Ohne Mauerfall kein Kernmarkt

Feiern sollten freilich auch die österreichischen Immobilienentwickler, die ihren Kernmarkt in Deutschland sehen. Denn wäre die Mauer nicht gefallen und hätte sich Deutschland nicht wieder vereinigt - es hätten jene erfolgreichen Projekte nicht realisiert werden können, die sich eben dort befinden - und mittlerweile auch die Hauptmärkte darstellen. Denn besonders die neuen Bundesländer bergen doch einiges an Potenzial, das auch genutzt wird. Allein in Berlin mischen die Österreicher kräftig mit, und zwar sowohl im "Osten" als auch im Westen. Die Stadt wächst rasant, die Grenze von vorher, die die Stadt fast 30 Jahre lang radikal getrennt hat, ist nicht mehr zu spüren. Nur ein paar Relikte sind noch vorhanden, in Berlin kann man Mauerstücke als Souvenir erwerben. Oder im Museum betrachten. Beton wird in Berlin immer noch verwendet - allerdings, um Immobilien zu entwickeln. Ganze Landmarks haben die Österreicher hier gebaut, wohl auch, weil sie früh genug Grundstücke akquiriert haben, die in der Bundeshauptstadt mittlerweile Mangelware sind - und teuer.

Österreich schafft Landmarks

Besonders aktiv ist etwa die CA Immo in Berlin. 12 Projekte befinden sich im Portfolio, fünf davon in Entwicklung. Etwa das cube berlin, das erst Anfang dieses Jahres für geschätzte 100 Millionen Euro an einen institutionellen Fondsmanager verkauft wurde. Dieses befindet sich im Quartier Europacity in Berlin Mitte - übrigens ein Ostbezirk - wo derzeit knapp 194.000 m² von genanntem Konzern entwickelt werden. Darunter das KPMG-Gebäude, das IntercityHotel Berlin Hauptbahnhof oder Monnet 4. Würde es die Berliner Mauer noch geben - solche Projekte hätten keine Chance.

Erfolg dank Einigung

Was hätte wohl die S Immo in Deutschland getan, wäre Berlin immer noch geteilt? Immerhin ist dort der Kernmarkt des Unternehmens, mit dem man auch schon richtig Kasse gemacht hat. Im Vorjahr hatte man etwa 1.500 Wohneinheiten in Hamburg und eben in Berlin verkauft. Das brachte der S Immo heuer sogar das beste Ergebnis in der Unternehmensgeschichte. Und immer noch hält man zig Bestandsobjekte. Jetzt will sich das Unternehmen ganz auf die deutsche Bundeshauptstadt konzentrieren; mehrere Projekte sind bereits in der Pipeline, etwa das 101 Neukölln mit 22.000 m² Büro- und Retailfläche oder das Büroobjekt Leuchtenfabrik mit rund 16.000 m². Nunmehr will man sich auch generell auf Berlin konzentrieren.

Lukrativer "Osten"

Ein weiterer Big Player in der deutschen Bundeshauptstadt ist die UBM. Arena Boulevard in Berlin, Wohnquartier am Alexanderplatz, das Headquarter für den Onlinemodehändler Zalando oder das Alexander Parkside, das bekannte (und mittlerweile seit geraumer Zeit verkaufte) Hotel andel's. Gleich mehrere Landmarks hat der österreichische Konzern in Berlin gesetzt - und das vornehmlich im Ostteil der Stadt. Ganz klar lässt sich sagen: Ohne die deutsche Wiedervereinigung hätten Milliarden Euro nicht verdient werden können - und das Wachstum der genannten Unternehmen wäre bei Weitem nicht so stark ausgefallen, wie es denn jetzt ist.

Auch neue Bundesländer im Visier

Es ist aber nicht nur Berlin: Zunehmend werden auch andere Städte in den neuen Bundesländern interessant - vornehmlich deshalb, weil sie einerseits im Wachsen begriffen sind und andererseits höhere Renditen bieten. Leipzig etwa, wo erst im November des Vorjahres der österreichische Immobiliendienstleister Magan Property Investment einen Standort eröffnet hat. Auch einige Privatinvestoren haben mittlerweile Leipzig für sich entdeckt, einer davon entwickelt dort ein Mehrfamilienhaus im Stadtteil Eutrizsch. Nicht zuletzt expandiert auch die Hotelgruppe Vienna House nach Leipzig: Derzeit wird ein Hotel im Zentrum zu einem smart casual Designhotel mit über 200 Zimmern umgebaut.

Was wohl wäre, stünde die Mauer noch

Hätte der Journalist Brinkmann 1989 Schabowski nicht wegen den Reisebeschränkungen gefragt und hätte dieser nicht mit "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich" geantwortet, wären nicht wenige Stunden zehntausende Berliner über die Grenze geströmt, die Grenzer hätten die Balken nicht geöffnet - und danach die Berliner nicht die Mauer Stück für Stück abgetragen. Was wäre wohl aus den österreichischen Immobilienkonzernen geworden? Deshalb darf die heimische Immobilienbranche den 3. Oktober getrost feiern. Denn der war bares Geld wert.

Im Zeitraffer

18. Oktober 1989
Staatschef Erich Honecker wird von Egon Krenz abgelöst. Bereits am 7. Oktober kam es zu Protesten in Leipzig, die die SED deutlich geschwächt hatten. Das war eine Konsequenz davon.

4. November 1989
Großdemonstration am Berliner Alexanderplatz. Die Demonstranten fordern vom SED-Regime umfassende Rechte wie Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit.

9. November 1989
Die Berliner Mauer wird geöffnet, zigtausende Ostberliner strömen über die Grenze in Richtung Westen.

18. März 1990
Die erste freie Wahl zu einer neuen DDR-Volkskammer wird abgehalten. Es folgt eine Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion mit Westdeutschland. Mit inbegriffen waren eine Umgestaltung des DDR-Wirtschaftssystems samt freier Preisbildung.

Juli 1990
Verhandlungen über den Abzug sowjetischer Truppen bis 1994 werden gestartet. Damit wird ein Schritt für die vollständige Souveränität der gesamtdeutschen Grenzen gesetzt.

6. Juli 1990
Eintritt in die deutsche Währungsunion und Verhandlungen über den Einigungsvertrag.

3. Oktober 1990
Die Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands ist vollzogen, die DDR existiert nicht mehr. Damit wird Berlin wieder zur deutschen Hauptstadt (zuvor war es während der Teilung Bonn).

Heute
Österreichische Immobilienentwickler prägen mittlerweile das Berliner Stadtbild und haben mehrere Landmarks geschaffen. Hunderte Millionen Euro wurden und werden in die Stadt investiert.