Immobilien Magazin

Einmal um die Welt im eigenen Ort

Der soziale und der Umweltgedanke macht das ElektroMobil Eichgraben zu einem Vorzeigebeispiel geglückter Elektro­mobilität in Österreich. Interessenten reisen von weit her an, um dieses Modell zu besichtigen.

Autor: Rudolf Preyer

Einmal hat sich ein Mädchen von zu Hause abholen und an einen entlegenen Ort bringen lassen, darauf brachte der Fahrer einen jungen Burschen eben dort hin: Was dort geschah, bleibt der Phantasie des Lesers überlassen. Jedenfalls lässt sich sagen: Das ElektroMobil Eichgraben bringt die Menschen zusammen. Diese Geschichte kolportiert einer der Fahrer (der natürlich seinen Namen nicht im Immobilien Magazin lesen möchte). Die Wirtschaft folgt bekanntlich dem Verkehr - der Straße, der Schiene: Jeder Bauträger denkt das automatisch mit. Die zunehmend schlechtere Erreichbarkeit peripherer Regionen durch Einschränkung oder gar Stilllegung unrentabler Linien, macht es der regionalen Immobilien-Wirtschaft daher nicht gerade leichter. Wovon diese aber profitiert, sind lokale Initiativen - so wie eben beispielsweise das ElektroMobil Eichgraben. Seit September 2015 ist der gemeinnützige Verein - mit Unterstützung der Gemeinde - im Einsatz. 75 ehrenamtliche Fahrerinnen und Fahrer haben seither zahlreiche Bürgerinnen und Bürger transportiert: An die 8.000 Fahrten wurden in der 4.500 Einwohner zählenden Marktgemeinde (Bezirk St. Pölten-Land) absolviert - so kamen rund 50.000 elektrische Kilometer zusammen: Aktionsradius ist das gesamte Ortsgebiet von Eichgraben - "Einmal in gefahrenen Kilometern um die Welt im eigenen Ort".

E-Mobilität als Motor der Kommunalentwicklung

57 Prozent der Österreicher finden laut einer aktuellen Befragung von immowelt.at eine Anfahrt von 75 Minuten und weniger zur Arbeitsstelle zumutbar - bei längeren Arbeitswegen würden sie lieber den Wohnort wechseln. Man sieht also: Car-Sharing-Modelle sind für abgelegene Gemeinden sehr wichtig, um Menschen und Waren in den Ort zu bringen - oder zu behalten. Im ländlichen Raum beträgt die durchschnittliche tägliche Weglänge einer Österreicherin/eines Österreichers laut Verkehrsclub Österreich (VCÖ) rund 15 Kilometer. Das - bald nicht mehr so häufig: eigene - Auto ist am Land also - noch - vorherrschend; allein in Niederösterreich sind 65 Prozent aller zurückgelegten Wege kürzer als zehn Kilometer. Alternative Verkehrsträger haben hier folglich bedeutendes Potenzial. Entscheidend für den Erfolg der Elektromobilität in Österreich ist der Ausbau der Ladeinfrastruktur - obgleich neue Technologien die Ladezeiten drastisch verkürzen werden. Weiterentwicklungen in der Bordelektronik aber vor allem auch in der Batterietechnik (es gibt hier auch Leasingmodelle) werden die Reichweiten deutlich verlängern.

Kostenfreier Passagiertransport

Jedes Vereinsmitglied - derzeit gibt es rund 200 - kann während der Betriebszeiten (Montag bis Samstag, 7:30-22:30 Uhr) nach vorheriger Anmeldung den Fahrdienst in Anspruch nehmen. Von den Fahrern werden jeweils 3-Stunden-Schichten angetreten, am Tag gibt es somit fünf Schichten. In einer Schicht gehen sich erfahrungsgemäß schon mal bis zu 20 Fahrten aus, am Tag werden bis zu 250 Kilometer gefahren. Die Reichweite liegt bei etwa 120 Kilometer, so muss das ElektroMobil am Tag im Schnitt zwei Mal aufgeladen werden. Die Fahrer werden von der örtlichen Fahrschule auf das Elektrofahrzeug trainiert. Kinder unter sechs Jahren dürfen nur mit einer Aufsichtsperson mitfahren. Die jeweiligen Passagiertransporte finden für die Mitglieder dann kostenfrei statt. Was für die Bevölkerung natürlich auch ein wichtiger Aspekt ist: Die regionale Wirtschaft wird beim Fahrtendienst eingebunden, die Menschen werden zu den Geschäften gebracht.

Rendite für die Gemeinschaft

Initiator von ElektroMobil Eichgraben ist Johannes Maschl, als Gemeinderat ist er mit Energie- und Mobilitätsagenden betraut. Um parteipolitischen Hickhack zu vermeiden, ist jede Fraktion im Vereinsvorstand vertreten. Weil der Verkehr im Ort nur an zwei Hauptachsen öffentlich erschlossen ist, und es bis zu drei Kilometer bergauf geht, ist das ElektroMobil wahrlich ein "Bringer" - im Ort gibt es einen maximalen Höhenunterschied von 300 Metern. Mittlerweile wurden in Eichgraben aufgrund der Bedarfsabdeckung durch das ElektroMobil bereits Autos verkauft. So wurde in Eichgraben nach vielen Jahren eine Kartenspielrunde unter Damen wieder reaktiviert: Eine Dame richtet diese jeweils aus und ihre Spielpartnerinnen werden zu ihr gebracht. Einer der pensionierten Fahrer genießt zudem das Privileg, als Ersatzspieler fungieren zu dürfen.

Soziale Nahversorgung

Das ElektroMobil Eichgraben transportiert also gewissermaßen auch eine soziale Nahversorgung. Dazu Maschl: "Das ElektroMobil ist eine hervorragende Informationsdrehscheibe." Maschl meint, dass ElektroMobil und Ehrenamt im Ort eine harmonische Symbiose eingehen: Wo könne man sonst - in so kurzer Zeit - in so angenehmen menschlichen Kontakt treten? Auf der Fahrt kommen die Menschen - endlich - ins Gespräch. Man teilt dann miteinander Hoffnungen, Freude und Wünsche. Ältere Menschen freut es dank des ElektroMobils plötzlich mehr, unter die Leute zu gehen, sich in Gesellschaft zu begeben - mit der Elektromobilität schaut eben eindeutig eine Rendite für die Gemeinschaft heraus. 80 Prozent der Fahrerinnen und Fahrer waren vor dem ElektroMobil übrigens in keinem Verein organisiert.

Höchster Wert: Elektromobilität in Österreich

Maschl schätzt, dass jeder 20. Einwohner von Eichgraben schon im ElektroMobil gesessen ist - das wäre demnach der höchste Wert der Elektromobilität in Österreich. Im direkten Gespräch überzeugt er Mitbürger, aber auch Werbemaßnahmen werden gesetzt. So wird bei jedem Fußballmatch der Heimmannschaft der Schiedsrichter mit dem ElektroMobil auf den Platz geführt, die Mannschaften ziehen hinter dem ElektroMobil ein. Die Gemeinde hat die Ladestation erworben - sie steht allen Bürgern gratis zur Verfügung, auch mit der Nebenbegründung, dass ein Abrechnungssystem mehr als der tatsächliche Stromverbrauch koste. Aktuell gibt es in Eichgraben drei Ladestationen, es ist aber beabsichtigt, nachzuverdichten. Ein Ort mit der vergleichbaren Größe von Eichgraben sollte in der Meinung von Maschl "zehn bis zwanzig Ladesituationen" haben. Zu Maschl kommen jetzt laufend Gemeinden, um sich zu informieren: Der Nachbarort Pressbaum möchte auch auf Elektromobilität setzen, dabei soll jeder Gemeinderat als Fahrer auftreten, genauso interessieren sich zwei Orte in Oberösterreich. Zuletzt kam sogar eine 21-köpfige Abordnung - samt Infrastrukturminister - aus dem deutschen Bundesland Brandenburg. Als Best Practice im Bereich Elektromobilität in Österreich dürfen freilich auch der Gaubitscher Stromgleiter, bea - Das Badener Elektro-Carsharing, oder das Elektro-Carsharing EMIL in Salzburg zählen.

Bundesregierung schnürt E-Mobilitäts-Paket

Noch ist der Gesamtbestand rein batterieelektrischer Fahrzeuge in Österreich sehr gering - laut Statistik Austria waren das im April 2015 lediglich 3.873 Pkw, was etwa 0,1 Prozent des Gesamtbestands (in Österreich geht man von rund 4 Millionen Pkw aus) entspricht. Das Preis-Leistungsverhältnis von Elektroautos hat sich in den vergangenen Jahren enorm verbessert: Die Anschaffung ist im Vergleich zu konventionellen Pkw zwar noch teurer, der laufende Betrieb verursacht aber deutlich weniger Kosten. Ein Elektroauto, das einen Durchschnittsverbrauch von 15 kWh/100 km hat, kostet bei einer Kostenannahme von 20 Eurocent/kWh lediglich drei Euro. Bei einem Jahresbetrieb von 15.000 km kostete der Treibstoff somit ca. 450 Euro, das entspricht etwa der Hälfte der Treibstoffkosten eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor. Im November 2016 brachte die Bundesregierung ein Elektromobilitäts-Förderpaket auf den Weg: Verkehrsminister Jörg Leichtfried (SPÖ) und Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP) möchten mit einem Maßnahmenkatalog finanzielle Kaufanreize für Kommunen und Privatpersonen schaffen.

E-Mobilität als Querschnittsmaterie

Das mit 1. März 2017 gestartete E-Mobilitäts-Paket - der Topf ist mit 75 Millionen Euro dotiert - beinhaltet eine Kaufprämie für Private von bis zu 4.000 Euro (gültig bis Ende 2018), zudem gibt es steuerliche Erleichterungen beim Kauf eines E-Autos. AustriaTech (www.austriatech.at) wiederum ist Anlaufstelle für Gemeinden, die Elektromobilität verwirklichen möchten. Zurück zu den Jugendlichen in Eichgraben: Elektromobilität in Österreich wird bestimmt auch dann ein Erfolgsmodell, wenn junge Menschen damit romantische Gefühle verbinden können.