Immobilien Magazin

ES KÜHLT SO GRÜN

Es vergeht kein Jahr, in dem sich nicht erneut Hitzerekorde überschlagen. In den kommenden 50 Jahren soll sich der Kühlenergiebedarf bei Gebäuden fast verdreifachen. Hitzeabsorbierende Oberflächen wie Dächer und Fassaden sind jetzt ein heißes Thema: Ihre Begrünung soll nicht nur grüne Wände, sondern auch die kühle Wende bringen.

Autor: Susanne Prosser

Stadtentwickler stehen vor großen Herausforderungen: Die Bebauungsdichte in den Städten steigt, und während pro Quadratmeter Fläche immer mehr Quadratmeter Fassade in den Himmel ragen, klettern ob des globalen Klimawandels auch die Durchschnittstemperaturen am Thermometer hartnäckig nach oben. Als Hitze-Multiplikatoren stehen urbane Hitzeinseln im Brennpunkt: Darunter versteht man das Phänomen, dass in dichtbebauten Gebieten die Temperaturen deutlich höher sind.

Gebäude multiplizieren

Hitze Zurückzuführen ist dies auf die Beschaffenheit der bebauten Oberflächen: Sie sind meist aus wärmeabsorbierenden, wasserundurchlässigen Materialien hergestellt. Dadurch kann auch das Regenwasser nicht direkt zur Kühlung genutzt werden, da seine Verdunstungskälte nicht zur Verfügung steht.

Speziell an den Fassaden entsteht zusätzlich ein Verdopplungseffekt: Vertikale Gebäudeflächen nehmen sowohl die direkte Sonneneinstrahlung als auch die reflektierte Strahlung von gegenüberliegenden Fassaden auf, was eine extreme Steigerung der Umgebungshitze bringt.

Zwei Grad mehr pro Jahr

Die Sommer haben es in sich: So meldet die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in ihrer Sommerbilanz für das Jahr 2018 einen Temperaturanstieg von zwei Grad Celsius über den bisherigen Durchschnittstemperaturen.

"BEI DER GEFÜHLTEN TEMPERATUR IST SOGAR EINE REDUKTION VON BIS ZU 13 GRAD MACHBAR." - VERA ENZI, GRÜNSTATTGRAU

In einem der 20 trockensten Sommer der Messgeschichte seit dem Jahr 1767 durchlitten die Österreicher vergangenen Sommer gleich zwei- bis dreimal so viele Hitzetage wie im Mittel. Klimaexperten schlagen Alarm, denn innerhalb der nächsten 100 Jahre wird eine Zunahme dieser Hundstage um bis zu 23 Tage erwartet. Damit steigt der Kühlbedarf schon in den kommenden 50 Jahren auf das knapp Dreifache an.

Die extreme Hitze stellt besonders für Ältere, Kranke und Kinder eine Bedrohung für Gesundheit und Wohlbefinden dar, und wenn die Temperaturen durch die starke Erhitzung der Ge-bäude auch nachts gar nicht mehr absinken können, wird selbst das Schlafen zur Unmöglichkeit.

Weniger städtische Hitzeinseln kühlen das Klima

Die gute Nachricht ist: Den urbanen Hitzeinseln lässt sich durch städtebauliche Maßnahmen entgegenwirken, um die Hitzeentwicklung zumindest einzudämmen. Wasser und Vegetation spielen dabei eine maßgebliche Rolle, weshalb die Stadt Wien den Urban Heat Islands Strategieplan Wien ins Leben gerufen hat. "Ziel ist, durch blaue Infrastruktur mit Wasser, grüne Infrastruktur mit Grünflächen wie Bepflanzung sowie graue Infrastruktur, welche die Bebauung und versiegelte Flächen wie z.B. Fassaden oder Straßen betreffen, die Anzahl der urbanen Hitzeinseln zu verringern", sagt DI Jürgen Preiss von der Wiener Umweltschutzabteilung MA 22. Mit diesem Masterplan, der 37 konkrete Maßnahmen enthält, soll die Kühlung des Mikroklimas um die einzelnen Gebäude erwirkt werden, um sowohl die tatsächlich gemessene als auch die subjektiv gefühlte Temperatur zu senken.

Die Fassade der Zukunft ist grün

Ein wesentlicher Teil ist dem Ausbau der Begrünungen von Fassaden und Dächern gewidmet. Das Potenzial von ganz Wien liegt dabei immerhin bei stattlichen 5.700 Hektar Dachflächen und 12.000 Hektar Fassadenflächen! Als Kompetenzstelle fungiert das vom BMVIT geförderte Wiener Innovationslabor GrünStattGrau mit seinen 340 Netzwerkpartnern. Geschäftsführerin Vera Enzi: "Wenn die passende Dichte an Begrünung in den Stadtquartieren erreicht wird, ist es möglich, die Lufttemperatur in der Umgebung des Bauwerks um zwei bis drei Grad zu senken. Bei der gefühlten Temperatur ist sogar eine Reduktion von bis zu 13 Grad machbar." Mit dem Vorzeigeprojekt Biotope City in Wien-Favoriten wurde bereits nachgewiesen, dass das neue Stadtgebiet die realen Temperaturen rund um die angrenzenden Bebauungen um bis zu zwei bis drei Grad und mehr abkühlen kann.

"UNSERE PFLANZENWAND BASIERT AUF BESCHICHTETEN STEINFASERPLATTEN." - CHRISTIAN OBERBICHLER, DACHGRÜN

Photosynthese als natürliche Klimaanlage

Neben Bäumen, die sehr effektive Schattenspender sind, sei die Begrünung von Fassaden und Dächern essenziell: "Weil sie die Oberfläche des Gebäudes an sich verändern", so Enzi. Beispiel: Ein dunkler Grauton der Fassade erhitzt sich im Sommer schnell auf 52 Grad. Ist das Bauwerk auch noch mit einem schwarzen Dach gedeckt, käme es dort mit einer Temperatur von 80 bis 90 Grad Celsius zu einer massiven Erhitzung des ganzen Gebäudes - und damit auch seiner Umgebung. "Bringt man hingegen Pflanzen an diesen Flächen an, nutzen diese die eintreffende Sonnenenergie zur Photosynthese und kühlen durch das Verdampfen von Wasser ihre Blattoberfläche und damit das Gebäude ab, denn eine Pflanze kann kaum wärmer als die Lufttemperatur werden", beschreibt Enzi die grüne Kraft an den Gebäuden. "Zusätzlich schaffen sie eine wirksame Beschattung." Dadurch werde es nicht nur wesentlich kühler im Sommer, sondern auch wärmer im Winter: Bestimmte Kletterpflanzen wie zum Beispiel der Wilde Wein werfen im Winter ihre Blätter ab und geben so die Wand für solare Einträge frei.

Vorschrift: Gebäudebegrünung im Bebauungsplan

Ob der Dringlichkeit des Themas - schon in den Jahren 2013, 2015 und 2017 waren in Österreich bereits mehr Menschen durch Hitze als im Straßenverkehr gestorben - sind in Wien Dachbegrünungen bei Sanierungen und Neubauten schon in den Bebauungsplänen vorgeschrieben. Im 21. Bezirk entstand entlang der Prager Straße mit "Florasdorf am grünen Anger" das erste Projekt in einem Stadtteil, in dem diese Vorschriften erstmals auch für die Fassaden gelten.

"In der Seestadt Aspern sind Dachbegrünungen mit 20 Zentimetern Substrat als Untergrund vorgesehen, wodurch ein ausgezeichneter Wasserspeicher entsteht", erklärt UHI-STRAT-Projektleiter Jürgen Preiss. "Ebenso wird es in der Seestadt südseitige, durchgehend mit Pflanzen begrünte Fassaden geben." Spannend ist auch das neue Ikea-Gebäude am Wiener Westbahnhof: Hier sollen sogar Bäume aus den Fassaden ragen.

Der Dachgarten wird für die Öffentlichkeit zugänglich sein und mitten in der Stadt mit Gastronomie zur Grün-Oase werden. Als stadtgestalterisches Pilotprojekt wird die "kühle Meile" - Wiens erste klimaangepasste Straße - in der Wiener Zieglergasse gefeiert. In der frequentierten Einkaufsstraße soll der gezielte Einsatz von Pflanzen und Wasser die gefühlte Temperatur um bis zu fünf Grad Celsius senken. Die nächste Hitzewelle kommt bestimmt - darum bleibt zu wünschen, dass viele neue Grün-Projekte coole Sommer bringen werden.