Immobilien Magazin

Für ein paar m² mehr

Von der Corona-Krise kann man durchaus lernen: Nämlich, was die Größe der Wohnung betrifft. Das wird vor allem im Vorsorge-Bereich für die Mieter relevant werden. Es darf ruhig ein bisschen größer werden.

Autor: Charles Steiner

Nach sechs Wochen Home-Office kann einem schon die Decke auf den Kopf fallen. Während Mami und Papi auf 50 m² gezwängt versuchen, ihre Arbeit von zu Hause aus so gut wie möglich zu verrichten, will das Kind bespaßt werden und quengelt gerade in den so wichtigen Videocall von Mami hinein, während Papi mit einem Geschäftspartner telefoniert. Die Arbeit, gepaart mit dem Freiheits- und Entertainmentdrang des Kindes, treibt den Eltern die Schweißperlen auf die Stirn. Die Stimmung ist gereizt. Früher, denken sich die stressgeplagten Eltern, war die Wohnung perfekt. Beide waren jeweils in ihrem Büro, der Nachwuchs im Kindergarten, gesehen hat man sich nur am späten Nachmittag. Jetzt währt das Familienglück 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche - und Rückzugsmöglichkeiten gibt es keine. Wenn man doch nur eine größere Wohnung hätte, vielleicht mit Garten, und stattdessen ein kleineres Auto. Man überdenkt also die ursprüngliche Prioritätensetzung.

Mehr Platz gewünscht

Dieses Szenario gibt es während des Corona-Lockdown zu Tausenden. Und es wird ein Umdenken stattfinden, wie man wohnt. Denn jetzt ist die Wohnung nicht mehr nur der Rückzugsraum vom Alltag - sie ist der Alltag. Und das könnte auch für jene ein wesentlicher Punkt werden, die in Vorsorge- und Anlagewohnungen investieren. Gleich ob Eigennutzung oder Weitervermietung: Wohnungen mit größeren Schnitten, Rückzugsräumen, gar mit Freiflächen: Wer diese nicht hat, wünscht sich genau eine solche. Ist man in der Branche noch im Vorjahr von der perfekten Größe von 47 m² ausgegangen: Jetzt dürfen es gerne ein paar m² mehr sein. Darf auch mehr kosten, dafür wird vielleicht der Urlaub schmäler - oder, wenn überhaupt, das Auto kleiner, wenn man denn überhaupt ein neues kauft.

Mehr Platz bei Isolation

Das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Marketagent hat dazu einen Isolationsreport veröffentlicht - und der bestätigt das auch. Menschen würden jetzt gerne etwas mehr vom Haushaltsgeld für Wohnen ausgeben wollen. Grundsätzlich zeigt sich: Wenn das eigene Zuhause mehr Platz bietet, ist die Isolation leichter auszuhalten. "Familien mit kleinen Kindern treffen die Einschränkungen durch die Covid-19-Maßnahmen besonders hart", so der Marketagent-Geschäftsführer Thomas Schwabl. "Abgesagte Freizeittermine, aufkommende Langeweile und das Fehlen gleichaltriger Freunde werden einschnürender wahrgenommen und legen die Nerven von so manchen Eltern blank." Viel Spaß mit Home-Office also.

Qualität ist gefragt

Für Michael Schmidt, Geschäftsführer der 3SI Immogroup, ist daher in Bezug auf Anlagewohnungen klar: "Wir bemerken bei den Anfragen schon verstärkt, dass qualitativer Wohnraum jetzt stärker nachgefragt ist." Heißt: Mit entsprechender Raumaufteilung, wo sich jeder zurückziehen kann, Freiflächen, guter Internetanbindung. Da sei man auch durchaus bereit, etwas mehr Geld auszugeben, sei es als Mieter oder auch als Käufer. Dafür treten andere Dinge wie etwa Luxusurlaub, zwei Autos oder Ähnliches wiederum mehr in den Hintergrund. Ein Umstand, den auch Markus Hämmerle von der Zima bestätigt, es macht gerade jetzt einen Unterschied, "ob man in einer 45 m²-Wohnung eingesperrt ist oder mehr m² zur Verfügung stehen." Das wird mitunter auch bei Projektentwicklern zu einem Umdenken führen, es ist mittelfristig davon auszugehen, dass so manche Mieter jetzt nach größeren Wohnungen suchen könnten. Falls die zweite Welle kommen sollte. Wer also etwas mehr in eine größere Vorsorgewohnung investiert hat, könnte dann gute Karten haben, den passenden Mieter zu finden.

Zweischneidiges Schwert

Sandra Bauernfeind, Chefin von EHL Wohnen, sieht die Sache bezüglich der Wohnungsgröße bei Vorsorgewohnungen etwas zweischneidiger. Einerseits wegen des Publikums, in der Innenstadt sind die Flächen generell kleiner als außerhalb des Zentrums. Und: Größere Flächen kosten dann natürlich auch mehr Geld - und es ist angesichts der durch die Pandemie hervorgerufenen Arbeitsmarktsituation auch die Frage, ob man sich eine größere Wohnung dann überhaupt leisten kann. Denn sinken werden die Preise im Wohnbereich eher nicht. "Viel wichtiger werden aber Freiflächen werden", sagt Bauernfeind.

Generell meint sie aber, dass beim Thema Wohnen jetzt ein Umdenken stattfindet. "Früher hat man dem Wohnen vielleicht weniger Bedeutung zugemessen, man ist müde von der Arbeit heim, hat etwas gegessen und ist dann schlafen gegangen. Das ist jetzt anders." Gerade in Bezug auf Home-Office dürfte sich unser Wohnen ebenfalls ändern. Viele in der Branche sprechen bereits davon, dass die Frage nach separaten Homeofficeflächen zumindest angedacht werden sollte. Bauernfeind: "Wohnen und Arbeiten verschwimmen, es werden mit Sicherheit neue Wohnformen konzipiert werden, wo auch ein gewisses Eckerl für die Arbeit vorhanden sein wird."

Zumindest für die oben genannte Familie steht das auf jeden Fall fest, sie will umziehen. Denn dank der Jobs, die beide haben, sind sie auch nicht in Kurzarbeit. Das neue Auto kann jedenfalls warten, lieber will man dann doch mehr Platz in der Wohnung haben. Denn so schön die Zeit mit seinen Liebsten auch ist - aber noch nie haben sich Mama und Papa wieder so sehr auf die Rückkehr ins Büro gefreut.