Immobilien Magazin

Hüter der Seelen und Former des Erdballs

Die letzte Seite, von Thomas Rottenberg

Moderne Adressverwaltungssysteme machen die Jagd nach schönen Titeln wieder spannend.

Halten Sie mich ruhig für durchgeknallt. Oder für durch den Wind. Aber Vorsicht: Vorher sollten Sie die Adresskartei ihres Unternehmens durchforsten und überprüfen, ob nicht auch Ihre Datenbanken mit Schuld sind, dass mein Briefträger mich skeptisch ansieht.

Der Gute hat es nämlich nicht leicht. Schließlich ist er angehalten, die von ihm Belieferten „pleno titulo“ anzusprechen. Also mit allen Titeln. Und auch wenn das de iure nur für akademische und offizielle Titel gilt, leben wir doch in Österreich. Woher soll der überarbeitete Mann wissen, ob es den Titel „Hüter der Seelen“ nicht irgendwo doch gibt?

Weil: Als ebensolcher erhalte ich Post. „Großmeister der Erdkreise und Hüter der Seelen“ lautet der – ähem – korrekte Titel auf Einladungen einer Eventagentur, die bei mir hereinflattern. An anderer Stelle bin ich „Former des Erdballes“. Oder „Überbringer von Licht und Freude“. Oder „Derwisch von Derwusch“. Und so weiter. Manchmal brauchen die Titel zwei Zeilen im Adressfeld.

Und das, obwohl „nachgestellte Titel“ da meist weggelassen werden. Außen zumindest. Aber im Mailing selbst liest es sich schön, wenn eine Kinopremiereneinladung für „Den Bezwinger von Ebbe und Flut, Thomas Rottenberg, samt 40-köpfigem Gefolge nebst Elefanten und Tigern“ gilt. Manchmal würde ich gerne ausprobieren, was passiert, wenn ich „mit Gesinde“ oder „den sieben Planeten“ auftauche: Ist es meine Schuld, wenn Veranstalter mich schriftlich „mit einer Kompanie hungriger Mäuler“ zum Essen bitten? In gedruckten Einladungen – nicht einfach per Mail.

Die Sache ist nämlich die: Immer mehr Agenturen und Gastgeber bedienen sich automatischer Adressverwaltungssysteme. Damit die up to date sind, kann der Angeschriebene seine Daten selbst editieren. In der Regel gibt es da ein Adressfeld „Titel“ vor dem Namen. Mitunter auch eines für „nachgestellte Titel“ danach. Meist kann man da nur irgendwas anklicken – aber immer öfter lässt sich fröhlich lostexten. Kein Mensch überprüft, was man da einträgt.

So führt mich eine Tierschutzgruppe als „Zertifizierter Artenvernichter und Walfischfopper“. Die Chefs grüßen mich dennoch herzlich: Auf der Liste am Eingang steht nur mein Name.

Pubertär? Ja eh. Ganz bei Ihnen. Aber: Ich tu damit keinem weh. Maße mir nicht an, etwas oder jemand Besseres zu sein. Oder mehr zu dürfen.

Aber andere meinen diesen Blödsinn durchaus ernst – und reagieren böse-humorbefreit, sobald man ihnen Titel unterschlägt. Und, nein, ich meine jetzt nicht Discobesitzer oder Tierarztsöhne, die sich von verarmten deutschen Adeligen vielfachadoptieren lassen, um als „Prinz“ zu tingeln.

Ich hatte einst einen sehr wichtigen Nachbarn. Der brüllte Lieferanten, Gaskassiere oder den Briefträger tatsächlich an: In Österreich habe er Anspruch auf „pleno titulo“ – er werde sich beschweren.

Diesen Mann habe ich vor mir, wenn ich mich als „Seine Wahrhaftigkeit“ oder „Elfendompteur“ adressieren lasse: Mein Briefträger nimmt das eh nicht ernst. Der glaubt, ich spinne. Und lacht mich hoffentlich aus.

Aber mein wichtiger Nachbar glaubt und lebt das. Darum: Sollte ich je die Chance haben, ihn in so einer Adresskartei zu bearbeiten, weiß ich, was ich alles eintragen werde. Vor- und nachgestellt. Und dann werde ich ihn ansprechen. Mit allen Titeln. «