Immobilien Magazin

Liebe Leserin, Lieber Leser!

Österreich ist ein glückliches Land. Weil die Probleme, die wir haben, die hätten andere liebend gerne. Unsere deutschen Nachbarn beispielsweise. Das sind vor allem die nach wie vor nicht dauerhaft gelösten Probleme im Bereich der geschlossenen und auch offenen Immobilienfonds. Dagegen waren die Turbulenzen unserer Immobilien-Aktiengesellschaften wie das Frühlingslüfterl im Wasserglas … Nach wie vor haben diese Turbulenzen große Teile der deutschen Immobilienwirtschaft ganz generell im Griff. Mit der erstmals stattgefundenen Abwicklung des einen oder anderen deutschen Immobilienfonds sind nun doch noch einige recht gute Immobilien zu „Fire-Sale-Preisen“ auf den Markt gekommen – oder zumindest zu „Fast-Fire-Sale-Preisen“. Was die weltweite Finanz- und dann Wirtschaftskrise nicht bewirkt hatte, die Krise mancher Fonds hat es dann doch noch so weit kommen lassen.

Ein Desaster, das andere freut. Nach wie vor gilt Deutschland als Schnäppchenland für Immobilienshopper. Deutschland als der Hofer der europaweiten Immobilienmärkte: gute Qualität zu sehr günstigen Preisen. Die Österreicher haben das längst erkannt und kaufen dort wie wild, kaum ein größerer österreichischer Marktteilnehmer, der der Goldgräberstimmung für Immobilieninvestoren in Deutschland derzeit nicht erliegt. „Windows of opportunity“ heißt das dann auf Neudeutsch – und Letzteres scheint sich so bald nicht zu schließen. Nicht, weil die Wirtschaft nicht gut läuft, sondern schlichtweg, weil sich die deutschen Bundesbürger derzeit so sehr im Krankjammern üben, dass selbst der typische gelernte Wiener nicht mehr mitkommt. Die Deutschen sind eben Perfektionisten, auch was Pessimismus betrifft. Die Engagements österreichischer Marktteilnehmer vor allem im Wohnimmobilienbereich – ausgehend seinerzeit von Engagements in Berlin, mittlerweile aber deutschlandweit – sind ja unübersehbar. Längst ist die Deutschlandorientierung der Österreicher nur auf Wohn­immobilieninvestments beschränkt. Zwischenzeitig stellt das kleine Österreich die meisten Immobilienentwicklungen in Deutschland, die nicht deutschen Ursprungs sind.

Mittlerweile entdecken freilich auch andere Nationen, allen voran die Briten, aber auch Holländer und – das musste ja kommen wie das Amen im Gebet – die Russen, wie schön und billig es sich immer noch in Deutschland bei Immobilien shoppen lässt. Und was machen gleichzeitig viele deutsche Immobilienfonds? Die hecheln ausgerechnet jetzt auf den ausgetretenen Trampelpfaden der Österreicher Richtung Osten hinterher, natürlich nicht auf wirklich neue Märkte, sondern dorthin, wo ohnedies schon alle, wirklich alle sind: Ungarn, Tschechien, Polen. Das hat seit etwa einem halben Jahr zu einem radikalen Verfall der Renditen auf diesen Märkten – und damit zu schönen Gewinnen der Early Birds vorwiegend aus Österreich geführt. Die Osteuropa-Pioniere denken (und investieren) inzwischen weiter. Aber: Irgendwann wird auch Deutschland „abgearbeitet“ sein – und allzu lange wird das nicht mehr dauern.

Was vor zehn Jahren Osteuropa, vor fünf Deutschland war, ist in naher Zukunft wahrscheinlich der arabische Raum, wo die Immobilienprojekte derzeit tatsächlich in den Himmel wachsen – und die absehbaren aktuellen Profite ebenso. Bis auf ganz wenige Ausnahmen spielen auf diesen neuen Märkten Österreicher indessen keine Rolle. Verlieren wir gerade eben unseren „Early-Bird-Status“, weil wir zu groß und damit zu bequem geworden sind, fragt sich

Ihr Gerhard Rodler

Herausgeber