Immobilien Magazin

Liebe Leserin, Lieber Leser!

Wer länger als drei Minuten darüber nachdenkt, wird schnell erkennen: Es gibt keine Branche in Österreich, die digitaler ist als die Immobilienbranche. Das Geschäft rund um und mit Immobilien quasi als Urmeter der Digitalisierung Österreichs. Nein, damit meine ich nicht eine besondere Technikaffinität der Branchenteilnehmer. Eine solche ist mir offen gestanden auch noch gar nicht aufgefallen, eher im Gegenteil.

Ich meine damit, dass die Immobilienbranche die digitalen Zyklen für sich besetzt hat, wie keine andere Branche: Das „zu Tode betrübt sein“ wechselt praktisch ohne Übergangsphase in die frühpubertäre „himmelhoch jauchzend Phase“.

Analoge, also fließende Übergänge von einem Zyklus in den anderen sind die Sache der Immobilienmanager nicht. Von null auf 100 Prozent im Sekundentakt und wieder retour – so geht das bei uns.

Und das in immer kürzer werdenden Zyklen. Diese sind mittlerweile derart kurz, dass mich erst unlängst einer der seriösesten und am längsten in der Immobilienbranche aktiven CEOs eines großen Developmentunternehmens allen Ernstes fragte: „Ganz ehrlich, ich bin mir jetzt gar nicht mehr sicher, ob wir gerade mitten in einer (weiteren) Krise stecken oder eben eine Boomphase erleben.“ Die „guten alten“ Schweinebauchzyklen in der gelernten Form – sobald es zu wenig Büroflächen gibt, wird von allen gleichzeitig so viel produziert, dass bei Fertigstellung zwei, drei Jahre später wieder ein Überangebot herrscht – haben ausgedient.

Zwar gibt es diesen – vor allem finanzierungsseitig getriebenen – Reflex immer noch, nichts für die nächsten drei bis fünf Jahre zu produzieren, wenn es im Moment eine Nachfrageschwäche gibt, und erst dann mit der Projektentwicklung wieder zu starten, wenn es am Markt gerade zu wenig Angebote gibt. Aber es stimmt schon: Einigermaßen verlässliche Gradmesser, die aufgrund eines aktuellen Zustandes die unmittelbare Zukunft einigermaßen zutreffend ablesen lassen, verschwinden mehr und mehr.

Das hat ganz generell mit dem schon längst und noch länger im Gang befindlichen Umbruch aller gesellschaftlicher Strukturen und damit eben auch der Geschäftsmodelle (und zwar aller, die die Gesellschaftsstrukturen als Unterbau verwenden, und damit so gut wie alle) zu tun. Logistik-immobilien – vor zwei Jahren noch ein Ladenhüter – sind derzeit der Megaseller (und niemand weiß, wie lange noch), weil das wachsende Online-Einzelhandelsgeschäft die klassischen Ladenflächen zurückdrängt. Büroflächen erodieren aufgrund neuer Arbeitsformen (Stichwort: mit ein oder zwei Jahrzehnten Verspätung kommt Teleworking jetzt doch und mehrere Dienstnehmer teilen sich einen Arbeitsplatz) und die demografischen Veränderungen schaffen beispielsweise bei Infrastruktur und Wohnen ganz neue Bedürfnisse.

Aber: Ob es diese sogenannten Megatrends noch in zwei oder drei Jahren in dieser Form gibt, das wissen die Götter. Oder nicht einmal die, weil sich ja auch im Bereich der Religion Umwälzungen in größtem Ausmaß ereignen. Ins Bild passt da, dass erst vor wenigen Wochen das Institut eines renommierten Zukunfts- und Trendforschers den Konkurs anmelden musste und nach Aussagen seines namengebenden Proponenten auch nicht mehr weiter geführt werden wird.

Der derzeit wohl einzig wirklich verlässliche Trend ist der, dass es eben keinen (mehr) gibt. Damit werden wir wohl die nächsten Jahre leben müssen,

meint Ihr

Gerhard Rodler

PS: Wenn ich mich traditionell dennoch über die mittlerweile schon traditionelle Trendprognose für die Immobilienbranche in dieser Ausgabe wage, dann ist das der Versuch, das Unmachbare zu machen. Heben Sie sich diese Ausgabe auf und vergleichen Sie dann, ob ich eher mit meinen Prognosen oder mit diesem Editorial recht behalten habe.

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