Immobilien Magazin

Lokaltipp: Clandestino – easy going im Speakeasy

Das muss einmal gesagt werden. Selbst motivierte Barflys ereilt bisweilen das Gefühl, dass die Cocktailszene in Wien ein wenig zum Stillstand gekommen ist. Nichts Neues, alles hat man schon einmal gesehen und selbst die bemühtesten Neueröffnungen sind meist nichts weiter als geringfügige Interpretationen oder einfach Kopien.

Autor: Barbara Bartosek

Frischer Wind?

Wir haben ihn gefunden, den frischen Wind. Im Clandestino, der neuen Kellerbar im Restaurant Mercado (das selbst letztes Jahr bereits Einzug in unsere Tipp-Reihe gemacht hat). Gut, nicht alles ist neu an diesem verschwiegenen Ort. Die Einrichtung gibt sich zum Beispiel authentisch 50er Jahre-like. Und das Barfood kommt aus dem Restaurant Mercado und gibt damit deren peruanisch-japanische Fusionsküche wieder. (Wobei es toll ist, in einer Bar richtig gute Snacks zu bekommen.) Was hier wirklich den Horizont erweitert sind die Drinks. Und ehrlich - wer von uns war schon mal in Wien in einer Mezcaleria?? Hier gibt es eine echt große Auswahl an Sorten dieser verkannten Schwester des Tequilas. Der Gastgeber Daniel Schober, der aus einer bekannten Gastro-Werber-Familie stammt, macht im Clandestino auch immer wieder Verkostungen dieses bisher eher unbekannten (und mit Wurmkonsum gleichgesetzten) Schnapses. Mitunter auch schon mal spontan. Serviert wird der Mezcal in typischen Tonschälchen, was dessen erdigen und rauchigen Noten entgegenkommt. Die Frucht Agave, aus denen er gebrannt wird, findet genauso wie das spannende Endprodukt Einzug in einige Drinks aus der Cocktailkarte. Auf das spezielle Angebot dieser kleinen Bar sollte man sich jedenfalls einlassen. Freilich - es gibt alles, was das gewohnheitsmäßige Herz begehrt (außer Obers-Drinks und Nicht-Saisonales) - aber nach der 1000sten Variation macht auch das ausgefallenste Tonic einen Gin nicht mehr wahnsinnig spannend.

¡Salud!

Also zum Spannenden: Als guter Einstiegsdrink erwies sich 'Don Hase' - ein Cocktail auf Pisco-Basis der mit einem entzückenden Möhrchen serviert wird. Der 'Mai Thai Massage' wird mit Zitronengras-Kafir-Gin gemacht sowie Rum, was dem Drink eine vertraute Grundnote verleiht. Eine der weiteren Zutaten ist "Honey Chili" - dieser entfaltet eine angenehme, gut eingebaute Schärfe und gleicht gleichzeitig die Säure etwas aus. Als echtes Highlight erwies sich der 'Delicioso'. Dieser wird seinem Namen wirklich mehr als gerecht. Der Drink auf Vodka-Basis ist vielschichtig und entfaltet sich in Phasen mit einer schmeichelhaften Süße, danach mit einer bekömmlichen Frische, die durch Gurkensaft eingebracht wird und schließlich exotisch mit dem 'Sweet Potato Cinnamon Sugar' - einer Zutat, die wohl das "Zaubersalz" im Drink ist. Das 'Tiger Special' erinnert an "frozen" Glühwein, nur ausgeklügelter und mit roter Rübe. Aber Vergleiche hinken hier bloß, die neuartigen Geschmäcker stehen für sich. Dennoch - der 'Japanese Penicilin' schmeckt japanisch-gelb-zitronig-sauer-lustig und leicht bitter. Beim 'Red Point' lässt man sich auf ein scharfes Süppchen ein, das mit getrocknetem Speck als Begleitung serviert wird... Bloody Mary meets Beef Tartar. Aber so einfach kommt man auch hier in der Beschreibung nicht davon, denn der selbstgemachte "Jungle Juice" kommt zum Einsatz - und der besteht nicht aus weniger als 48 Zutaten. Achtung, scharf! Ein einziger Abend reicht natürlich nicht, um alles zu verkosten. Der 'Oxaca Masacca' hat aber dann doch noch das Rennen gemacht: Ein Mezcal-Drink mit Zuckerrohressig, Agave und Chambord Likör - elegant rauchig, süß und herb zugleich und jedenfalls sehr speziell.

Liebe zum Detail

Zur Verarbeitung gelangen im Clandestino unter anderem Zitrusfrüchte aus aller Welt und Agave und Bergamotte, denn der Gastgeber hat viele Jahre im Ausland Bars betrieben und dabei nicht nur Know-how, sondern auch Quellen für Exotisches mitgebracht. Das Eis kühlt der perfektionistische Chef für 48 Stunden auf minus 30 Grad herunter und sorgt so dafür, dass möglichst kein Schmelzwasser die Drinks verfälscht. Die Cocktailgläser werden zu diesem Zweck ebenfalls gefrostet. Auch die Bar-Musik ist handverlesen und hebt sich von einer gewöhnlichen Bar-Hintergrundmusik angenehm ab. Da die Preise wirklich im absolut üblichen Bereich liegen, bleibt zu hoffen, dass sich so viel Hingabe auch wirklich langfristig lohnt und das Clandestino zur Institution wird. Damit das gelingt, lassen Sie sich von den Öffnungszeiten des Mercado nicht abschrecken! Die Bar hat Mittwoch bis Samstag bis spät in die Nacht geöffnet und man erlangt Einlass - ganz wie in einem Speakeasy zu Zeiten der Prohibition - mittels Klopfzeichen an der Tür des bereits geschlossenen Lokals. Ein Türsteher öffnet dann und hilft weiter. Auch das macht Spaß. Bleibt nur noch zu sagen: Viel Vergnügen!

Bonuskategorie Charakter-Bar: 10/10 (plus 1 Bonuspunkt für die wunderbar schummrige Atmosphäre)

Getränkekarte: 10/10 (plus 1 Bonuspunkt für die Mezcal Auswahl)

Hundefreundlichkeit: 10/10

Location: 9/10

Küche: 9/10 (analog zur Küchenleistung des Mercado - mit 1 Bonuspunkt für die gelungene Fusion)

Preis/Leistung: 9/10

Service: 9/10

Feedback und Anregungen bitte an: b.bartosek@imv-medien.at

(Legende: 10 = ein Traum, 8-9 ausgezeichnet, 6-7 gut, 4-5 mittelmäßig, unter 3 enttäuschend und kaum einen Tipp wert, 0 = verstörend schlecht und ein ernstzunehmender Warnhinweis)

Weitere Artikel

  • » Rodlers Immo-Vlog: Retail Detail – Retailimmobilien sind tot, lang lebe der Onlinehandel. ... mehr >
  • » Rodlers Immo-Vlog: Leerstand Adé? – Vom neuen Standort am Wienerberg begrüßt Sie ... mehr >
  • » Rodlers Immo-Vlog: Das Sommerloch – Es ist wieder da! Das berühmt-berüchtigte Sommerloch. ... mehr >