Immobilien Magazin

Moderne Nomaden

Weniger besitzen, mehr reisen, überall zu Hause sein: im Lifestyle-Jargon hört sich das moderne Nomadentum ziemlich sexy an. Im real existierenden Kapitalismus heißt das schon mal "Wohnen im Zug" oder schlafen im Eingang einer Luxusboutique.

Autor: Romana Kanzian, Redaktionsbüro Berlin

Wer sich heute keine Wohnung in den Ballungszentren mehr leisten kann, tut gut daran, sich wieder ans Nomadendasein zu gewöhnen. In München, Berlin und Stuttgart haben sich die Immobilienpreise seit 2008 mehr als verdoppelt. Da wundert es kaum, dass ein Videospielredakteur in München keine Wohnung findet und seine BahnCard 100 quasi zum Schlüssel für sein rollendes Eigenheim wird. In Berlin ist die Situation besonders prekär, weil es über 55 Prozent Single-Haushalte gibt. Für Pärchen, die Kinder in die Welt setzen wollen, ist heute selbst der Stadtrand unerschwinglich. Die Alternative heißt: Brandenburg.

Es HOSTELT im Kiez

Aber warum gleich so negativ!?! In Neukölln herrschen Schlaraffenlandzustände für private Vermieter. Allerdings gibt es kaum noch welche. Denn sämtliche Straßenzüge befinden sich bereits im Eigentum von Immobilienkonsortien. Wer also die Familienimmobilie noch nicht veräußert hat, feiert selbst Kirmes* und wird zum Entwickler. Schäbige und feuchte Wohnungen für eine Stange Geld zu vermieten, erinnert an Manhatten in den 90er-Jahren. Und wer irgendwie kann, macht aus seiner Erbimmobilie ein Hostel. Die Bewilligungen dafür werden einfach später eingeholt. Ist doch Berlin und schließlich benötigt man für ein paar Stühle vorm Späti** oder dem Friseurladen auch keine offizielle Genehmigung. Bei dem Andrang an feierwütigen jugendlichen Touristen tun es auch ein paar Matratzen am Boden und sanitäre Anlagen am Gang. Hat ja fast schon Startup-Charakter, das Hostelbusiness. Ein guter Rat, den ein stadtbekannter Stundenhotelbesitzer seinem Sohn mit auf dem Weg in die seriöse Hotellerie gegeben hat, lautete demnach auch: "Du kannst deine Betten nach Stunden vermieten, musst dabei aber die Reinigungskosten mitrechnen. Du kannst deine Betten aber auch an jugendliche Reisende auf Drogen und Alkohol vermieten. Dabei sparst du dir das Lakenwechseln und es fällt auch kaum auf, wenn du ein Bett gleich zweimal verkaufst." Überhaupt wird die Sache mit dem Schlaf überbewertet, schließlich war Berlin schon so manches, verschlafen aber noch nie.

Oberspreewald-Lausitz

Wer eine Familie zu ernähren hat und sich dem biologischen Schlaf-Wach-Rhythmus hingeben muss, der darf sich in der Mark Brandenburg, in Thüringen oder Sachsen-Anhalt umsehen. Dort werden laut einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung die Preise weiter fallen. Die Autoren rechnen mit dem Schlimmsten: "In 20 Jahren wird es dort Geisterdörfer geben." Schon heute können sich laut einer Auswertung des Mikrozensus, Zahlen des Statistischen Bundesamtes und der Kreditwirtschaft um 2,6 Prozent weniger 30- bis 40-jährige ein Eigenheim leisten. Wohnen im Zug wäre doch irgendwie eine Überlegung wert. Und wie gesagt: Weniger besitzen, mehr reisen, weltweit zu Hause sein.

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