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Nach der Revolte

Nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei und den darauf folgenden Repressionen von Seiten der Erdogan-Regierung herrscht Unsicherheit. Diese ist auch bei europäischen Immobilienunternehmen zunehmend spürbar.

Autor: Charles Steiner

Es war ein ganz normaler Sommerabend in Istanbul. Die Kaffeehäuser waren gut gefüllt, die Menschen ließen die Arbeitswoche gemütlich ausklingen. Doch etwas war anders. Eine gewisse Spannung lag in der Luft, die man da noch nicht deuten konnte. Gegen 10 Uhr am Abend entlud sie sich. Soldaten blockierten die Brücke am Bosporus, das Regierungsgebäude in Ankara wurde umstellt. Teile des Militärs versuchten, den streitbaren Präsidenten Recep Tayyip Erdogan aus dem Amt zu putschen. Jedoch erfolglos. Keine drei Stunden später erklärte die Regierung, der Putsch sei abgewehrt worden. Die Reaktion von Erdogan gegenüber den mutmaßlichen Aufrührern ließ nicht lange auf sich warten. Sämtliche staatlichen Institutionen wurden "gesäubert", Zigtausende Türken verhaftet. Denn der Präsident hatte nach dem Putschversuch auch schon gleich einen Schuldigen parat: Den Prediger Fethullah Gülen, einst Verbündeter des türkischen Präsidenten, dessen Hizmet-Bewegung für den Putsch verantwortlich sein soll. Und seitdem versinkt das Land im Chaos. Terroranschläge quasi im Wochentakt, die türkische Lira sinkt ins Bodenlose und Investoren kehren der Türkei den Rücken. Dass Erdogans Türkei sich in ein - mehr oder minder - autokratisches Präsidialsystem wandelt, verunsichert zusätzlich.

Tourismus eingebrochen

Besonders die Tourismusindustrie leidet massiv. Die Türkei als Reisedestination für die Europäer? Lieber nicht. Blöd auch, dass im Vorjahr auch die Russen - wohl wegen des abgeschossenen Kampfjets - die Türkei gemieden haben. Von 12,5 Prozent, die die Russen im gesamten Tourismussektor ausgemacht hatten, sind es jetzt nur mehr knapp 1,4 Prozent. Ergo: Die Hotelpreise sinken - und zwar massiv. Das Hotelbuchungsportal HRS spricht in einer aktuellen Hotelpreisstudie von einem massiven Einbruch. Um rund ein Drittel sind die Buchungszahlen eingebrochen. Fast 18 Prozent sind die Preise am Bosporus gefallen. Im Fünfjahres-Vergleich sind die Durchschnittspreise für Fünfsternhotels in Istanbul von 122 Euro pro Nacht auf 33 Euro gefallen. Besonders dramatisch ist die Situation in den Tourismushochburgen an der türkischen Riviera, etwa in Antalya. Wo vor wenigen Jahren Abertausende Touristen an den Stränden und in den Hotels herumwuselten, herrscht zur Hauptsaison gähnende Leere. "Der Tourismus ist am Boden", hört man von den Kellnern und Hoteliers, die inmitten einer traumhaften Meereskulisse die Zeit totschlagen. Doch die Krise im einst so beliebten Urlaubsland könnte sich auf andere Bereiche ausweiten. Erdogans Rachefeldzug ist auch für den türkischen Immobilienmarkt spürbar geworden. Ein Indiz dafür ist das Cover eines aktuellen Colliers-Marktberichts, derden Bosporus in einem unwirtlich wirkenden Sturm zeigt. Und stürmisch sind auch die Marktdaten: Ging man am Anfang 2016 von einem Wachstum von knapp vier Prozent aus, rasselte es nach dem Putschversuch auf knapp 3,5 Prozent hinunter. Und im Bürosektor blühen die Leerstände: In manchen Gebieten Istanbuls liegen diese zwischen zwölf und über 50 Prozent. Und zwar in A-Lagen. Detto bei Logistik: Auch hier sind Leerstandsraten von durchschnittlich 19 Prozent zu verzeichnen. Und es trifft auch europäische Unternehmen. Im November bereits hatte die ECE erklärt, einen Managementvertrag für das Einkaufszentrum Modern East in Istanbul auflösen zu müssen. Dessen Eigentümer standen im Verdacht, in Verbindung zur Gülen-Bewegung zu stehen, sie haben sich abgesetzt.

Ein Sprecher der ECE erklärt dem Immobilien Magazin zu der Entscheidung, dass es keine andere Möglichkeit dazu gab: "Das Modern East wurde von der Regierung durch einen staatlichen Treuhänder unter Zwangsverwaltung gestellt. Diese betreuen in der Regel eine Vielzahl an Objekten, eine spezifische Expertise im Betrieb von Shopping Centern haben sie nicht." Die ECE brauche aber vom Eigentümer schnelle Entscheidungen - und diese waren einfach nicht mehr zeitnah zu bekommen. Die Möglichkeit, dass die politische Eiszeit zwischen der Türkei und Deutschland auch zu Zwangsmaßnahmen gegen deutsche Objekte vollstreckt werden könnte, könne man nicht ausschließen. Denn bei zwei der 14 Center ist die Familie Otto beteiligt, zu deren Holding die ECE gehört. Jedoch: "Derzeit liegen uns keine Erkenntnisse vor, dass weitere Objekte betroffen sein könnten. Als Firma haben wir auch noch keine Probleme gehabt, die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen läuft professionell ab", wie der ECE-Sprecher erklärt. Allerdings hat das Unternehmen Konsequenzen gezogen: "Wir sind mit Investitionen in neue Center zurückhaltend, zumal auch kaum westliche Investoren in die Türkei investieren würden." Die Parfümeriekette Douglas zieht sich dafür ganz aus der Türkei zurück: Zu wenig Marktanteile hätte man dort erreichen können. Völlig unabsehbar ist die Entwicklung in den kommenden Jahren. Sollte Erdogan weiterhin den Weg in die Isolation wählen, wäre es für das einst prosperierende Schwellenland eine Katastrophe. In den Kaffeehäusern in Istanbul dürfte es dann ziemlich ruhig werden. Nur die Anspannung. Die bleibt.

Im Zeitraffer

Freitag, 15. Juli 2016, 22.05 Uhr: Über Ankara und Istanbul tauchen Kampfjets im Tiefflug auf, die Bosporusbrücke wird gesperrt. Erste Meldungen über einen Militärputsch treffen ein.
0.15 Uhr: Im öffentlich-rechtlichen Sender TRT erklärt ein „türkischer Friedensrat” die Machtübernahme. Präsident Erdogan, dessen Hotel zunächst umstellt ist, ruft die Bevölkerung via Social Media auf, sich den Putschisten entgegenzustellen. Mehrere Schusswechsel im Parlament.
4.07 Uhr: Erdogan landet in Istanbul, spricht zu den Putschgegnern. Der Putschversuch ist von der Bevölkerung und Teilen des Militärs vereitelt worden. Es folgt ein Ausnahmezustand sowie die Inhaftierung und Entlassung Tausender.

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