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Nachhaltigkeit bedeutet
weniger Irrwege

Peter Engert, Geschäftsführer der ÖGNI, spricht mit dem Immobilienmagazin über das Thema Nachhaltigkeit und warum diese auch eine betriebswirtschaftliche Notwenigkeit ist.

Autor: Stefan Posch

In einem Buch, das Sie geschrieben haben sehen Sie Nachhaltigkeit nicht als Idealismus, sondern als betriebswirtschaftliche Notwendigkeit an. Wo sehen Sie die ökonomischen Vorteile bei nachhaltigem Wirtschaften? Peter Engert: Die Nachhaltigkeit ist sowohl für den Prozess ein Vorteil, als auch für das Thema was entsteht dann. Wenn man Nachhaltigkeit mit Zertifizierungssystem gleichsetzt, dann ist es perfekt, wenn im Planungsprozess bereits über die Zertifizierung des Endprodukts nachgedacht wird. Viele Dinge, die man im Nachhinein mit viel viel höhere Kosten verändern kann, werden schon im Vorfeld diskutiert und entschieden. Nachhaltigkeit bedeutet eine klarere Linie und Strategie und damit weniger Irrwege und Sackgassen. Beim Endprodukt ist es dann von Vorteil, ein nachhaltiges Gebäude zu bewirtschaften, da es geringere Bewirtschaftungskosten hat. Schon einmal aus energetischer Sicht. Aber auch das Thema Wohlfühlfaktor kommt langsam ins Nachhaltigkeitsbild. Also nicht nur mehr Ökologie, sondern auch soziale Komponenten. Gebäude in dem sich Leute wohlfühlen wird weniger Leerstand haben, als ein Gebäude bei dem die Leute eher mit Widerwillen reingehen, um zu arbeiten oder zu wohnen. Das ist natürlich ein wirtschaftlicher Vorteil, der auch jeden Investor einleuchtet, der vielleicht einmal das Gebäude kaufen will.

Die ÖGNI setzt nicht nur auf ökologische Qualität, sondern auch auf ökonomische und soziokulturelle Qualität. Wie lässt sich dieser Anspruch vereinbaren? Engert: Das Wohlfühlthema ist ein soziokultureller Aspekt und ein ganz entscheidender Faktor, der bei der Planung noch nicht in Zertifikaten abgebildet ist. Daran arbeiten wir. Zum Beispiel das Thema Arbeitswelten kriegt eine ganz neue Dimension. Wir haben in der Vergangenheit den Fokus auf das immer gleiche Modell gestellt: Mann oder Frau 27 bis 35 Jahre alt. Die Zeiten ändern sich. Wir müssen 50 Plus Mitarbeiter genauso beschäftigen können. Die müssen sich aber auch wohl fühlen. Und jene interessiert vielleicht ein Wuzzler weniger als ein Ruheraum, wo sie einen Powernapp machen können nach dem Mittagessen, um am Nachmittag wieder leistungsfähig zu sein. Das sind Themen, die sich in Diskussion und in der Entwicklung befinden. Genauso wie das Thema, wie passe ich das Gebäude an seine Umwelt an. Wenn mich als Projektentwickler es nicht interessiert, welche Menschen dort leben, wohnen, und arbeiten, welche Bedürfnisse und welche Infrastruktur man da hat, dann werde ich ein Gebäude hinstellen, das ein Fremdkörper ist. Wenn ich das vorher untersuche und anschaue und damit der sozialen Nachhaltigkeit genüge tue. Wird das Gebäude von der Umgebung angenommen werden und wird dadurch eine ganz andere Werthaltigkeit bekommen.

Bauträger und Entwickler klagen über den steigenden Baukosten, die sich auch auf den Preis der Immobilie auswirken. Wie lässt sich ökologisch nachhaltiges Bauen mit der Forderung nach leistbaren Wohnraum vereinbaren? Engert: Wenn ich endlich aufhören würde Kaltmieten als oberste Gebot für leistbares Wohnen heranzunehmen, sondern mich auf die wahren Kosten des Wohnens konzentriere, das ist die warme Miete, bin ich bei ökologischen Gesichtspunkten voll im Trend. Ich habe dann längere Laufzeiten, deutlich niedrigere Kosten und damit ein wirtschaftliches Ergebnis. Ich glaube nicht, wenn man eine Lebenszyklusanalyse hernimmt, das es wirklich teurer ist, wirtschaftlich so zu bauen, das die Nachwelt nicht davon belastet wird. Bei den sozialen Argumenten muss man definieren, was einem wichtig ist. Wenn ich Menschen mit besondere Bedürfnisse habe und sie für wichtig nehme, dann muss ich barrierefrei sein. Wenn ich sage die bringen mir nichts, die haben keinen Effekt für mich, ok, dann wird es schwierig gesetzliche Anforderungen zu erfüllen. Es ist aber eine Frage des Gesichtspunktes, ob ich nur für den 27-Jährigen, der die Stufen raufstürmt wie eine wilder Tiger, baue oder ob ich etwas baue, das durch die Generationen hindurch interessant ist für die Menschen. Aber das ist eine Strategiefrage. Ich sage einmal, per se ist es nicht unbedingt klar, dass Ökologie, Nachhaltigkeit wirklich mehr Kosten verursacht. Es gibt ein Plus-Energie-Haus, ein Null-Energie-Haus, natürlich habe ich da Unterschiede. Man muss halt wissen, was man will. Es ist eh schon alles erfunden. Der Preis ist dann die Maßgabe, was ich alles einsetzen kann.

Die ÖGNI-Zertifizierung ist ein freiwilliges Anreizsystem. Was halten Sie von gesetzlichen Regelungen, die ökologische Standards festsetzten? Engert: Ich halte von gesetzlichen Regelungen generell wenig. Wenn die Menschen davon nicht überzeugt sind, werden sie Wege suchen diese gesetzlichen Regelungen zu umgehen. Es wäre viel klüger Bewusstseinsbildung zu schaffen anstatt gesetzliche Regelungen und Maßnahmen, die dann wieder ein Heer von Beamten nach sich ziehen. Ein gutes Beispiel ist die Abfallwirtschaft in Österreich. Vor langer Zeit hat man damit begonnen in den Schulen den Kindern beizubringen, das Müll recycelt wird. Wenn Sie jetzt schauen, jeder recycelt. Bei Wind und Wetter schleppen Männer und Frauen Glasflaschen zum Müll. Sie kriegen aber keinen Euro dafür.

Heutzutage gibt es einige verschiedene Zertifizierungen. Erleben wir einen Wettbewerb der Zertifikate? Engert: Ja natürlich. Es gibt drei große Zertifikate, zu denen auch wir gehören. Es gibt auch die einen oder anderen lokalen Zertifikate. Ich schimpfe auf keinen, denn alle haben ihre volle Arbeit für die Nachhaltigkeit geleistet. Es gibt auch durchaus gegenüber dem unsrigen Modell Vorteile bei anderen. Unser großer Vorteil - und warum wir auch Marktführer sind - ist, dass wir das umfassendste Zertifikat haben. Es gibt einen Mitbewerber, der ist in der Energie besser als wir. Aber der hat sonst nichts. Wir sind nicht Klassenbester in den einzelnen Kategorien, aber Klassenbester über alle hinweg. Deswegen habe ich nie eine ruhige Minute, sondern zerbreche mir andauernd den Kopf, wie wir uns weiterentwickeln können. Wenn ich irgendjemand sage, wir sind Marktführer, dann Stufe ich mich damit wieder ab, wir sind mitten im Prozess. Dass wird dort liegen ist schön, aber das Rennen ist noch nicht zu Ende.

Inhaltlich hat die ÖGNi das deutsche DGNB-Zertifizierungssystem adaptiert und hat sich auch für die Aufnahme im World Green Building Council beworben. Was für Vorteile bringen grenzüberschreitende Zertifizierungssysteme? Engert: Die DGNB als deutsche Zertifizierungssystem und als Marktführer in Deutschland hat ein Heer von engagierten Mitgliedern, die daran arbeiten das System weiterzuentwickeln. Wir müssen in Österreich mit unseren acht Millionen Einwohnern nicht alles neu erfinden. Wir sind sehr zufrieden, dass wir auch zum Teil die deutschen Themen heranziehen und unsere eigenen Sachen hineininterpretieren und es auf österreichische Gegebenheiten verändern. Das ist ein riesiger Vorteil. Es gibt aber auch Themen, die wir zuerst entwickeln und die Deutschen noch nicht haben. Also zum Beispiel Zertifikate für Sportstätten oder Stadien, wie etwa beim neuen Stadion des FK Austria. Das machen jetzt die Österreicher für die Deutschen. Aber natürlich, allein größenmäßig profitieren hauptsächlich wir.

Was für Vorteile haben Entwickler und Bauträger von einer Zertifizierung? Engert: Vordergründig drei Sachen. Das Erste ist, sie können sicher sein im Planungsprozess und Bauprozess das Beste aus dem Standort, der Idee und aus der Nutzung herausholen, weil sie den Auditor als unabhängigen Dritten haben, der Ihnen beisteht und die Finger in die Wunde legt. Das Zweite ist, alle haben den Gedanken irgendeinmal das Gebäude zu verkaufen, um damit ein gutes Geld zu verdienen. Das ist wie bei dem Börsengang von Start-ups. Ohne Zertifikat kann man heut nichts mehr verkaufen. Kein internationaler Investor kauft eine Hütte nur auf Treu und Glaub und ohne Zertifikat. Der Dritte Punkt ist die Buchhaltung. Der Wirtschaftsprüfer hat mit dem Zertifikat ein Gutachten, auf das er sich verlassen kann.

Bei Ihrer Bestellung als Geschäftsführer auf Zeit sagten Sie, dass Sie sich so schnell wie möglich Überflüssig machen wollen. Sesselklebermentalität ist Ihnen also fremd? Engert: Sesselklebermentalität ist mir fremd. Ich will meinen Spaß haben. Für mich ist Spaß ein zentrales Thema. Wobei mir die Arbeit bei der ÖGNI derzeit sehr viel Spaß macht. Es ist eine spannende Aufgabe.

Die ÖGNI

Die Österreichische Gesellschaft für nachhaltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI) hat sich die Förderung des nachhaltigen Planens, Bauens und Nutzens von Bauwerken zur Aufgabe gemacht und ist Markführer für Gebäudezertifizierung in Österreich. Der 2009 gegründete Verein ist eine Initiative von mehr als 250 Unternehmen, Institutionen und Experten der Bau- und Immobilienwirtschaft. Der Verein handelt dabei nach dem 3-P-Ansatz, der Produkte, Personen und Prozesse beinhaltet.

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Kommentare

peter12 | 22.04.2017 13:45

Nachhaltigkeit ist heutzutage mehr als ein Schlagwort. Und niemand - ausser Donald Trump vielleicht - wird ernsthaft die Meinung vertreten, dass wir mehr Nachhaltigkeit und Ökologie benötigen. Den Wert von Zertifikaten sehe ich hier allerdings etwas gemischter. Durchaus sinnvoll, verteuern ihr Einsatz normalerweise Bauprojekte. Und man kann auch nachhaltig bauen und wirtschaften ohne Zertifikat - man muss es halt einfach auch tatsächlich tun! Apropos: Ich war vor kurzem an einer Präsentation von Le Bijou, lebijou.io. Die Firma wertet Wohnungen in Stadtlage in hochwertige Ferienappartements um und bietet so attraktive Renditen. Auch hier wird Wert auf gute Energiewerte gelegt, meines Wissens jedoch ohne den Einsatz von Gebäudezertifizierungen.