Immobilien Magazin

„Normen hinken der Technik immer hinterher“

Thomas Maldet, Leiter der TÜV Austria Aufzugstechnik, spricht mit Stefan Posch über die Normenflut, mögliche Kostenersparnisse und den verschobenen TÜV-Aufzugstag.

Autor: Stefan Posch

Immobilien Magazin: Manche Hauseigentümer meinen, dass der Aufzugsbereich überreguliert sei. Können Sie deren Sichtweise in Anbetracht der Vielzahl von Normen verstehen?

Thomas Maldet: Aufzüge gelten gemeinhin als das sicherste Beförderungsmittel für Personen. Dies wird gewährleistet durch rigide Gesetzgebung und Normung, vorbeugende Wartung, Modernisierung im Sinne von Anpassung an den Stand der Technik, Betriebskontrollen in entsprechend kurzen Abständen sowie eine unabhängige wiederkehrende Prüfung durch Sachverständige ohne Reparaturinteresse. Dieses über Jahrzehnte bewährte System sollte meiner Meinung nach nicht in Frage gestellt werden. Ich bin sicher, dass kein Eigentümer aufgrund von vermehrten Unfällen an seinen Anlagen mit den entsprechenden Folgen (Gerichtsverhandlungen, Schadenersatzforderungen etc.) konfrontiert werden möchte.

IM: Die Entwicklung bei der Sicherheitstechnik der Aufzüge schreitet immer schneller voran. Sind damit alle Normen noch zeitgemäß, oder sollten manche nicht dem höheren technischen Sicherheitsstandard angepasst werden?

Maldet: Normen hinken dem aktuellen Stand der Technik immer hinterher. Die Einhaltung von Normen ist ein Mittel, den Nachweis zu führen, dass die grundlegenden Sicherheits- und Gesundheitsanforderungen der Europäischen Aufzugsrichtlinie erfüllt werden. Daneben gibt es aber noch einen anderen Weg, der innovative Lösungen erst ermöglicht. Mittels Gefahrenanalysen macht man sich Gedanken darüber, ob der gewählte - nicht normative - Ansatz mindestens in gleichem Maß sicher ist, wie der in der Norm aufgezeigte. Dieser Prozess wird von einem Notified Body, wie auch TÜV Austria einer ist, begleitet. Wenn sich gewisse Lösungen dann etabliert haben, wird die Normung entsprechend nachgezogen und diese neuen Lösungen in den Regelwerken beschrieben. Da die Aufzugshersteller sehr innovativ sind und ständig neue Lösungen entwickeln, ist die Normung auch ständig in Bewegung. In der Regel sind die neuen Lösungen nicht nur mindestens gleich sicher wie die in den Normen beschriebenen, sondern gehen oft ein Stück weiter. Somit entwickelt sich der höhere Sicherheitsstandard in den Normen durch die Innovationskraft der Hersteller praktisch von selbst.

„Da die Aufzugshersteller sehr innovativ sind, ist die Normung auch ständig in Bewegung.“

IM: Macht es Sinn, dass jedes Bundesland eine eigene Aufzugsordnung hat? Lifte fahren ja in der Steiermark nicht anders als in Niederösterreich.

Maldet: Die Technik von neuen Aufzügen ist europaweit durch die Lift Directive 2014/33/EU geregelt und somit auch in allen österreichischen Bundesländern gleich. Diese Bestimmungen gelten für das Inverkehrbringen von Aufzügen, das heißt für die Installation neuer Anlagen. Die Einbindung der durch Einhaltung der erwähnten sicheren Maschine Aufzug in das Gebäude sowie der Betrieb der Anlage unterliegt im Wesentlichen dem Baurecht, das in Österreich Landessache ist. Somit wäre für eine Vereinheitlichung der Aufzugsgesetze auch eine Angleichung der umfangreichen Materie des Baurechtes erforderlich. Aus meiner persönlichen Sicht wäre das sinnvoll.

IM: Den Aufzugsherstellern und Wartungsunternehmen stehen immer mehr Daten über Aufzugsanlagen zu Verfügung. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Kann dies auch zu einer Kostenersparnis für die Betreiber führen?

Maldet: Daten zu sammeln ist das eine, diese zu analysieren und zu interpretieren das andere. Das Hauptziel der Sammlung von Betriebsdaten von Aufzügen ist die Sicherstellung eines störungsfreien Betriebes, sodass die Anlagen wenn sie gebraucht werden jederzeit zur Verfügung stehen. Die Daten werden in der Regel mit Hilfe Künstlicher Intelligenz auf typische Muster bzw. auf Abweichungen von diesen analysiert. Daraus lässt sich bei richtiger Interpretation der Ergebnisse eine vorbeugende Wartung bzw. Reparatur ableiten. Diese "predictive maintenance" und "predictive repair" spart auf Grund von weniger Ausfallzeiten dem Eigentümer letztendlich Geld. Wie weit die Anpassung von Wartungskonzepten auf Grund der vorliegenden Daten zu Kostenersparnis führen wird, lässt sich im Moment noch nicht abschätzen, da wir doch noch ziemlich am Anfang dieser Entwicklung stehen.

IM: Der TÜV-Aufzugstag wurde aufgrund der Corona-Krise auf den Herbst verschoben. Was erwartet die Teilnehmer heuer?

Maldet: Wir werden Anfang Mai einen Stream zu aktuellen Themen anbieten, den Aufzugstag mussten wir aufgrund des Veranstaltungsverbotes verschieben. Darüber hinaus ist gerade uns als TÜV Austria natürlich neben der Sicherheit auch die Gesundheit unserer Kunden ein zentrales Anliegen. Das genaue Datum steht noch nicht fest, aber der verschobene Aufzugstag wird aus jetziger Sicht im Oktober 2020 stattfinden. Neben den aktuellen technischen Entwicklungen im Aufzugsbau gibt es wieder Informationen zum Unfallgeschehen im abgelaufenen Jahr und die Lehren, die man daraus ziehen kann. Sonstige Schwerpunkte sind heuer neue Technologien im Bereich des Notrufes sowie die Frage der Sicherheit von Aufzügen im Falle von Erdbeben. Darüber hinaus wird unsere Veranstaltung im Herbst eine hervorragende Möglichkeit für die Branche sein, die zwischenzeitlich schlummernden Kontakte wieder aufleben zu lassen.