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Reduktion auf das Maximum

Eine kluge Architektur vorausgesetzt, ist Wohnen und Arbeiten auf wenigen Quadratmetern zum prestigeträchtigen Lifestyle-Konzept geworden. Tiny Houses streben den autarken Wohnkreislauf an - setzt sich die Tiny House-Bewegung jetzt auch in Österreich durch?

Autor: Rudolf Preyer

Man muss kein Hippie sein, um autarkes Wohnen gut zu finden: Die Unabhängigkeit, die eine (weitestgehende) Selbstversorgung bringt, ist ein hohes Gut. Tatsächlich hat ein Tiny House, das die wichtigen Wohnfunktionen auf geringem Raum komprimiert, weniger mit forcierter Mobilität (als Wohnwagen) denn mit einer sinnvollen Zwischennutzung zu tun. Außerdem muss einem Tiny House-Bewohner das Grundstück nicht gehören. Dazu sagt Alfred von Liechtenstein: "Autarkie bedeutet auch weniger Angst, weniger gesellschaftliche Zwänge, mehr Freiheit. Existenzängste fallen weg, weil für Wärme, Strom, Wasser, eventuell sogar die eigene Ernährung gesorgt ist, unabhängig davon, wie optimiert und konform das restliche Leben ist." Jeder Europäer besitzt im Durchschnitt rund 10.000 Dinge - daher meint Theresa Steininger, Gründerin und Geschäftsführerin des Wiener Start-ups "Wohnwagon": "Die Reduktion auf das Wesentliche ist der Luxus unserer Zeit." Abgesehen von Modul- bzw. Containerhäusern haben die Tiny Houses von Wohnwagon - auch und gerade in Sachen Lifestyle - in Österreich die Themenführerschaft im Bereich autarkes Wohnen inne.

Am Beispiel Wohnwagon

Jeder Wohnwagon wird individuell geplant, dem Bau-start geht ein Kundenbesuch voraus. "Zu uns - nach Seebarn - sind zwei Planer gekommen, die sich vor Ort alles angesehen und unsere Wünsche und Vorstellungen einem Reality Check unterzogen haben", sagt Wohnwagon-Kunde Thomas Vitzthum. Mit seiner Frau Alexandra und seinem pubertierenden Sohn Adrian möchte er sein Wohnhaus nahe Korneuburg erweitern. Zwar bezeichnet Steininger ihre Wohnwagons, für deren Aussehen der Architekt Christian Frantal verantwortlich zeichnet, als "Tiny Houses auf Rädern" - aufgrund seiner im Schnitt zehn Tonnen sei der Wohnwagon aber eher dem Bereich Zwischennutzung zuzuordnen und nicht dem Camping.

Juristischer Graubereich

Dazu Dr. Martin Lechner, er ist auf Immobilienrecht spezialisierter Partner bei Gabler Gibel & Ortner Rechtsanwälte GmbH & Co KG: "Ganzjähriges Wohnen auf Rädern hat noch mit einigen juristischen Graubereichen zu kämpfen. Gerade deshalb ist es aber unbedingt nötig, vorab eine Abstimmung mit der (Bau-)Behörde zu finden, sonst droht schlimmstenfalls der Abbruchbescheid." Lechner konkretisiert: "Ob, wo und wie ein Tiny House aus Sicht der Öffentlichkeit überhaupt auf einem Grundstück errichtet werden darf, hängt u.a. davon ab, wie das Grundstück laut Raumordnung gewidmet ist, wie dicht es bebaut werden darf, welche Abstände zum Nachbarn eingehalten werden müssen, wie hoch gebaut werden darf. Trinkwasserversorgung und Schmutzwasserentsorgung, meist ins öffentliche Kanalsystem, müssen bei ganzjähriger Nutzung jedenfalls gewährleistet sein."

Autarker Wohnkreislauf

Wohnwagon baut ein 25 m² großes Heim - reduziert auf das Wesentliche. Die Möbel werden für den Wohnwagon speziell hergestellt, auch eine leere Variante zum Selberbauen ist möglich. Probewohnen davor ist möglich (und wird sogar angeraten). Der Strom wird über vier Photovoltaikpaneele erzeugt, die am Dach montiert werden. Die Gesamtleistung ist so kalkuliert, dass das Haustechniksystem und der individuelle Stromverbrauch das ganze Jahr abgedeckt werden können, wenn man sein Verbrauchsverhalten entsprechend anpasst. Damit es auch im Winter warmes Wasser und Heizwärme gibt, ist der Wohnwagon mit einer "Holz-Solar-Heizung" ausgestattet - dabei ist der mit einem Holzofen beheizte Wassertank mit der Solaranlage am Dach gekoppelt: Reicht die Solarkraft nicht mehr, kann mit Holz zugeheizt werden. Im Muster-Wohnwagon sind rund 650 Liter Wasser im Kreis unterwegs. Der Großteil befindet sich auf dem Dach, 140 Liter sauberes Wasser sind in den Tanks im Boden gespeichert. Regenwasser wird über das Flachdach gesammelt und füllt den Kreislauf immer wieder auf. Das benutzte Brauchwasser wird auf das Dach gepumpt und in der Grünklär-anlage gereinigt. Das Wasser durchläuft den Klärkreislauf in ca. 24 Stunden und kann am Ende wieder zum Duschen und Händewaschen verwendet werden. Der Wohnwagon kostet - je nach Autarkiegrad, Größe und Einrichtung - zwischen 50.000 und 150.000 Euro. Raiffeisen bietet ein Finanzierungsmodell auf zehn Jahre an. "18 Wägen haben wir bereits verkauft", freut sich Theresa Steininger.

Wohnwagon wächst

Diese Erweiterung darf das Immobilien Magazin exklusiv berichten - Wohnwagon bietet seit Ende Jänner 2017 auch Zubauten an: Familie Vitzthum ist der zweite Kunde in diesem Bereich. Basisangebot ist ein kleines Modulhaus, auf Wunsch ist dieses auch autark. Bei der Weiterentwicklung kommt keine Fundamentplatte zum Einsatz, der Boden wird damit nur geringfügig versiegelt. Demnächst, so verrät Steininger, wird Wohnwagon ein wasserautarkes Einfamilienhaus in der Schweiz errichten. Steiningers Vision sind kleine Dörfer mit mehreren unabhängigen Einheiten - auch könnte es beispielsweise einen Bauernhof mit drei bis vier Familien geben, die in Wohnwagons leben: eben an Orten, wo es um Nachverdichtungen geht. Mit InnoEnergy konnte Wohnwagon vor Kurzem auch einen strategischen Partner und Investor gewinnen. Der InnoEnergy Highway ist der größte Accelerator Europas im Bereich nachhaltiger Energien und unterstützt mit einem internationalen Netzwerk aus Industrie, Forschung und weiteren Investoren. "In den nächsten Jahren will sich Wohnwagon zum ersten Ansprechpartner für autarkes, nachhaltiges Wohnen entwickeln", so Steininger. Wohnwagon antizipierte an der Klimafonds-Initiative "greenstart", in Aufbau befindet sich aktuell eine Stellplatzbörse. Wohnwagon hat verstanden, dass sie einen Lifestyle verkaufen - mit ihrem Magazin "Oskar" adressieren sie direkt an Kunden bzw. potenzielle. Tiny Houses sind aber nicht nur für den ländlichen Raum gedacht: Auch innovative - urbane - Formen werden jetzt auf dem Markt angeboten.

„Ein Tiny House hilft, herauszufinden, was man wirklich zum Glücklichsein braucht.“ - Jay Shafer (The Small House Book)

Urbane Varianten

Michael Griesmayr sagt zum Thema: "Im Tiny House-Konzept geht es in der Regel um die Reduzierung und Konzentration auf das Wesentliche zugunsten persönlicher Unabhängigkeit und Individualität." Durch die steigende Anzahl von Single-Haushalten bei gleichzeitig steigenden Kosten für Wohnraum spiele das Thema "Wohnen auf kleinem Raum" eine immer größere Rolle, so Griesmayr: "Wir greifen diesen Trend ebenfalls auf und bauen im VIERTEL ZWEI derzeit sozusagen die urbane Variante der Tiny Houses: Unser STUDIO ZWEI bietet auf 32 m² durch seine raffinierte Ausstattung alle Möglichkeiten einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit mehr als 50 m²." Preislich sind diese Apartments zwischen 173.000 Euro und 287.000 Euro (jeweils ohne Ausstattung) zu haben. Außerdem endet der Lebensraum nicht an der eigenen Wohnungstür, sondern erstreckt sich durch Sharing-Angebote - wie etwa einer gemeinsamen Dachterrasse mit Grillplatz oder einer Lounge mit Bar im Erdgeschoß - über das gesamte Haus, so Griesmayr.

Open Source-Projekt

Auch die Wien 3420 Aspern Development AG hat die Zeichen der Zeit verstanden und die Q-Box des einstigen Bühnenbildners Maurus Mosetig in der Seestadt aufstellen lassen. Die Q-Box ist ein Niedrigstenergiehaus, die feststehende Variante kann ganz oder teilweise an Versorgungsnetze angeschlossen, aber auch völlig autark betrieben werden. Die mobile Ausführung besteht aus erweiter- oder reduzierbaren Modulen in Standardcontainer-Abmessungen mit Wohnflächen von 24 bis 72 m². Dem zweiten Prototyp in Breitenbrunn am Neusiedler See sollen laut Mosetig 2017 noch drei weitere folgen, ehe die Q-Box-Wohnmodule 2018 in Serie gehen. Um möglichst viele Menschen mit dieser Wohnform zu erreichen, soll die Q-Box auch als Open Source-Projekt zum Nachbau anregen, und Wohnprojekte (ähnlich dem von Theresa Steininger) mit mehreren individuellen Q-Boxen, gemeinsamen Räumlichkeiten, Urban Gardening, Food Cooperatives und Carsharing sollen am Rande von Städten entstehen. Preislich beginnen die Q-Box-Modelle ab 68.000 Euro. Aber es gibt auch kritische Stimmen zur Tiny House-Bewegung.

Kein adäquates Kompensat?

Erich Benischek, Gründer und Geschäftsführer der Blauen Lagune, hat einen ambivalenten Zugang zum Thema Tiny Houses: "Einerseits sehe ich die positive Seite, wenn sich ein Ehepaar etwa ein Mini-Ferienhaus mit einer witzigen Architektur anschaffen möchte." Benischek denkt weiter und hat auch andere praktische Anwendungen eines Mikro-Hauses im Sinn - etwa als Single-Haus oder wenn ein Elternteil gepflegt werden muss und für die 24-Stunden-Betreuung ein Tiny House im Garten aufgestellt wird. "In jedem Fall müssen aber die Leistbarkeit und vertretbare Kosten gegeben sein", so Benischek, der in diesem Zusammenhang auch eine negative Seite ortet: Er sieht die Tiny House-Idee sehr kritisch, wenn diese die europaweite Problematik eines nur schwer zu beschaffenden Wohnraums - "bei Quadratmeterpreisen, die einen ins Sauerstoffzelt treiben" - quasi übertüncht, ein Tiny House also gewissermaßen als zu kleines Kompensat für ein der Familiengröße adäquates Zuhause herhalten muss. Kurzum: Wenn die Motivation für die Anschaffung eines Tiny Houses ausschließlich die hohen Wohnraumpreise sind, ist diese Entwicklung aus seiner Sicht alles andere als wünschenswert. Benischek fordert deshalb von Politik & Co, sich dem Problem nicht leistbaren Wohnraums nachhaltig zu stellen, damit "wir nicht einmal in einer Bienenwabe werden leben müssen".

Zukunftsmusik Tiny Office

Zur Small Living-Bewegung bekennen sich weltweit immer mehr Anhänger - und weil Wohnen und Arbeiten Lebensbereiche sind, die in Zeiten von EPUs bzw. Start-ups nicht mehr trennscharf auseinandergehalten werden können, ist die Idee eines Tiny Office naheliegend. Beispielsweise bietet die Energie Steiermark Co-Working-Lösungen an: Ab 190 Euro pro Kopf und Monat können sogenannte Urban Boxes als All-inclusive-Büros zeitlich befristet angemietet werden - die einzelnen Module sind jeweils 3 mal 8 Meter groß. Die Aufstellung erfolgt an nur einem einzigen Tag. Die Urban Box ist energieautonom, transportfähig und flexibel erweiterbar. Dazu Energie Steiermark-Vorstandsdirektor Martin Graf: "Die Urban Boxes sind so konzipiert, dass sie im Stadtbereich rasch eine entsprechende Baugenehmigung erhalten und erweitert werden können." Außerdem soll Mitte 2017 ein Co-Working-Projekt mit Urban Boxes mitten in Graz umgesetzt werden. Anmelden kann man sich dafür schon jetzt. Die Energie Steiermark möchte laut Eigenaussage "bis zu 20 Millionen Euro" in das neue Geschäftsfeld Co-Working investieren.

Wider die Mietpiraten

Rechtsanwalt Dr. Lechner schickt voraus: "Eine Zustimmung vorausgesetzt, können auch z.B. Mieter oder Pächter eines Grundstücks ein Tiny House errichten. Die sich daraus ergebenden zivilrechtlichen Fragen (wem gehört das Tiny House? Was darf der Nutzer machen? Muss er es wieder entfernen? etc.) sind meist ausreichend rechtlich geregelt." Als sogenannte "Mietpiraten" sind daher seiner Rechtsauffassung die zu bezeichnen, "die sich trotz Beendigung des Nutzungsvertrages weigern, das Objekt zu räumen." Besonders unverhohlen und unmissverständlich heißt es etwa in einem "Kreativ gegen das Unternehmen Stadt" betitelten Artikel im linken Blatt "Malmoe" (Ausgabe 77): "Widerständige Akte wie Besetzungen oder die Weigerung, nach Ablauf des Prekariatsvertrages auszuziehen, können so nicht nur Alternativen zu Zwischennutzungen darstellen, sondern auch Druckmittel gegen die Stadtverwaltung sein." Was also tun gegen Mietpiraten? Dr. Lechner rät, "sofort eine Räumungsklage bei Gericht einzubringen bzw. bei entsprechendem Gefahrenpotenzial (z.B. für Leib und Leben) bei der Behörde ein Benutzungsverbot und eine kurzfristige Räumung/Wegweisung zu erwirken." Ob Wohnwagon, Q-Box oder Co-Being-Space: Autark lebende Tiny House-Bewohner sind keine Eremiten, es eint sie die Sehnsucht nach einer lebendigen Gemeinschaft, nach einem Ort der gemeinschaftlichen Begegnung (auch dazu muss man kein Hippie sein).

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