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Tanzen auf dem Vulkan

Es wehte ein Hoch der beiden Jahre unmittelbar vor der Immobilienkrise vor einem Jahrzehnt über den Strand von Cannes bei der diesjährigen MIPIM. Und doch ist diesmal alles anders.

Autor: Gerhard Rodler aus Cannes

Alles Gute hat seine Schattenseiten. Schwarz ist sie um diese Tageszeit in dieser einen Woche im März. Schwarz, weil sich dunkel gekleidete Menschentrauben über die Croisette drängen, kaum einen Quadratzentimeter Platz dazwischen lassen. "Naja, dafür gibt es keine einzige Woche im Jahr, wo Umsatz und Tip so gut sind wie jetzt", sagt Francois, der seit Jahren im La Chunga kellnert und dort so etwas wie eine Institution geworden ist. Pinguine nennt Francois sie. Und genau diese Spezies läutet in Cannes immer im März die Sommersaison ein. Die MIPIM ist nicht nur die Weltleitmesse der professionellen Immobilienbranche, sondern auch die stärkste Woche an der Côtes d'Azur. Rund 23.000 Teilnehmern aus 90 Ländern waren es heuer. Dann sind etwa so viele Menschen da wie bei den Filmfestspielen - und diese geben deutlich mehr aus, als das beim Film-Biz der Fall ist. Was die MIPIM jedes Jahr bietet, ist ein verlässlicher Gradmesser, wie sich die Branchenkonjunktur so in den nächsten zwölf bis 18 Monaten entwickeln wird. Freilich, was Francois nicht wissen kann: In diesem Jahr fällt das Stimmungsbild durchaus durchwachsen aus. Es gibt kaum eine Branche, in der es so viele Berufsoptimisten wie im Immobiliengeschäft gibt. Aber selbst die halten sich heuer zurück. Das allein ist schon deshalb bemerkenswert, weil die Unternehmen so gut performen wie schon seit zehn Jahren nicht mehr.

Plan B in der Schublade

Aus internationaler Anlegersicht kann Österreich mit vergleichsweise immer noch preiswerten Wohnungs- und Gewerbemieten dienen, die zu noch tragbaren Renditen über den Tisch gehen. Dabei treffen Projektentwicklungen und Portfolien sowohl aus Klassikern Residential, Office und Retail als auch Hotel und Logistik auf rege Anlegerresonanz. Aber: Mittlerweile haben die meisten einen Plan B in der Schublade für den Fall einer Marktkrise, ausgelöst durch das Zusammentreffen der am Tag X unausweichlichen Erhöhung des Zinsniveaus mit Marktirritationen wie Brexit und Co. Einerseits bekommen immer mehr Angst vor den eigenen Erfolgen und ziehen Vergleiche zu den Jahren vor dem Platzen der Immo-(kredit)blase. Andererseits ist heute wenig vergleichbar mit damals. Die damaligen Glücksritter sind verschwunden. Thomas Beyerle ist Head of Group Research bei Catella und gern gesehener Vortragender in Österreich. Und er gibt sich überraschend "bullish": "Seien wir ehrlich - die MIPIM wird mit einem so hohen Interesse besucht, wie wir es zuletzt 2009 erlebt haben. Die fundamentalen Indikatoren, die auf die Märkte wirken, zeigen die Konstellation eines 'perfect storms'." Das Wirtschaftswachstum sei gesund und ehemalige Sorgenkinder glänzen mit hohen Wachstumsraten. Unternehmen stellen ein, mieten Flächen, investieren in Gebäude und Dienstleistungen. Die Kapitalverfügbarkeit ist hoch, Preisanstiege primär das Resultat eines träge nachwachsenden Angebots an den gewerblichen Immobilienmärkten. Auch verhält sich das Investmentkapital rational und diszipliniert - ausschließlich integrierte Lagen in den Städten, keine exotischen Finanzierungskonstrukte, keine Trader - und ehemalige Nischen wie Student Housing oder Healthcare sind eigenständige Teilmärkte geworden. Wenzel Hoberg, CEO bei TRIUVA, gibt sich positiv überrascht, wie gut die Stimmung in der Branche ist: "Ein Punkt stimmt mich nachdenklich: Unterschätzt die Branche die aktuellen politischen Risiken?" Immer mehr sehen dunkle Wolken am Horizont: Ungelöste Brexit-Konsequenzen, Unbehagen um Kapitalumlenkungen in die USA samt dem Unsicherheitsfaktor "Trump" sowie eine über kurz oder lang bevorstehende Zinserhöhung. Denn, so Kai-Uwe Ludwig von 6B47 Germany: "Auch die MIPIM gibt keine Antwort auf die Frage, ob es in Teilmärkten eine Blase gibt oder nicht. Für uns bedeutet es, weiter Projekte mit überschaubarem Zeithorizont zu realisieren. Die Stimmung auf der Messe: So wie das Wetter, es gab kaum Wolken." Zumindest bis auf Weiteres, wie Thomas Doll, Geschäftsführender Gesellschafter bei der Treucon Gruppe, meint: "Wir erleben einen verkäuferdominierten Markt. Wer ein vernünftiges Produkt bietet, kann sich vor Angeboten kaum retten."

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