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Vom Seilzug zum Aufzug ...

... und weiter: Kaum ein anderes Fortbewegungsmittel hat die Immobilienwelt so verändert wie der Aufzug. Und auch in der Zukunft wird sich die Weiterentwicklung des Lifts auf die Machbarkeit von Gebäuden auswirken.

Autor: Stefan Posch

Den Weg für den Siegeszug der Wolkenkratzer bereitete der Amerikaner Elisha Graves Otis. 1953 ließ er bei einer Demonstration seines neuen Aufzuges das Trageseil von seinem Assistenten durchschneiden. Der Aufzug raste nicht, wie von dem Publikum erwartet, in die Tiefe, sondern bremste dank einer automatischen Absturzfangvorrichtung. Der Sicherheitsaufzug war geboren. Erst dadurch konnten die Bauten in die Höhe wachsen und die Ära der Beletage wurde von der des Penthouses verdrängt.

Der "Aufzug" des Archimedes

Doch die Geschichte des Aufzuges begann schon tausende Jahre früher. Schon Archimedes entwickelte eine Hebevorrichtung, die mit Hubseilen und einem Flaschenzug betrieben wurde. Im alten Rom wurden Lifte bei Gladiatorenkämpfe verwendet. Im großen Kolosseum wurden etwa Kämpfer aber auch wilde Tiere mithilfe eines Lifts auf die Bühne gebracht. Der Bau der mittelalterlichen Kathedralen und Dome, die Hochhäuser des Mittelalters, wurde nur durch neuentwickelte Lastenaufzüge möglich.

Maria Theresia blieb stecken

Einen der älteste Personenaufzug in einem Gebäude ließ Maria Theresia 1766 in die Wiener Kapuzinergruft einbauen. Die Erzherzogin litt an Übergewicht und hatte Probleme mit dem Stiegensteigen. "Die Gruft will mich nicht mehr herauslassen", soll Maria Theresia scherzhaft gemeint haben nachdem der Lift mehrmals stecken geblieben ist. Bei den frühen Personenaufzügen war aber vor allem die Gefahr des Abstürzens allgegenwärtig. Erst Elisha Graves Otis sorgte mit seiner Absturzvorrichtung für die Sicherheit, die für die Befahrung moderner Wolkenkratzer nötig war.

Der vorhandene Schacht soll optimal ausgenutzt werden.

Wolkenkratzer bleiben Herausforderung

Auch heutzutage sind Wolkenkratzer, die immer höher gen Himmel gebaut werden, von der Entwicklung der Aufzüge abhängig. Beim höchsten Gebäude der Welt, dem Burj Khalifa in Dubai, kann der eingebaute Aufzug etwa nicht direkt vom Erdgeschoss bis zur Spitze hochfahren. Jene, die ganz nach oben möchten, müssen umsteigen. Das Problem sind die Drahtseile, die so lang dimensioniert sein müssen, dass diese ein zu hohes Gewicht darstellen.

Neue Seiltechnologie

Für den im Bau befindlichen Jeddah Tower, der ab 2018 mit über 1.000 Meter Höhe den Burj Khalifa als höchstes Gebäude der Welt ablösen wird, wird der finnische Aufzugshersteller Kone eine neue Technolgie einsetzen, die die schweren Stahlseile ablösen wird. Mit dem neu entwickelten Ultra Rope würden in Zukunft Aufzugfahrten bis zu 1.000 Meter ohne Unterbrechung möglich sein, erklärt Günter Baca, Direktor Marketing & Unternehmenskommunikation bei Kone Österreich. Möglich macht das ein Kohlefaserkern mit einer sogenannten High Friction Coating Beschichtung. Damit kann das Gewicht der Seile enorm verringert werden. Auch der Energieverbrauch sei bei Aufzügen mit der neuen Seiltechnologie geringer und die Lebensdauer sei doppelt so lang, erklärt Baca die Vorteile des Ultra Ropes. Peter Schnieper, Vorsitzender der Geschäftsleitung Schindler Aufzüge und Fahrtreppen GmbH, sieht bei Wolkenkratzern die Effizienzsteigerung als die größte Herausforderung. "Der vorhandene Schacht soll optimal ausgenutzt werden, denn Platz ist kostbar", erklärt Schnieper. Eine Möglichkeit sei die "Verwendung des innovativen Doppeldeck-Konzepts, bei dem zwei Kabinen übereinander fest verschraubt sind". Dadurch könnten zwei Etagen gleichzeitig angefahren und die Kapazitäten dementsprechend verdoppelt werden. "Logistisch gesehen optimieren wir dadurch die Auslastung" erklärt Schnieper.

Personenleitsystem

Effizienz beim Personenfluss ist nicht nur im Aufzug sondern im gesamten Gebäudes wichtig. Gerade zu Stoßzeiten müssen in einem Bürogebäude eine große Zahl an Menschen abgefertigt werden. "Sämtliche Gebäudenutzer wollen effizient, schnell und sicher von A nach B gebracht werden", betont Schnieper. "Mit unserem Verkehrsmanagementsystem PORT setzen wir genau hier an und bieten eine optimale Lösung für sämtliche Gebäudetypen und sparen dabei noch Energie", so Schnieper weiter. "Nicht nur der Lift alleine steht nunmehr im Fokus, sondern der Bewegungsvorgang vom Betreten des Gebäudes bis zum Arbeitsplatz. Unsere Hochleistungsanlagen transportieren bereits heute bis zu 53 Personen in circa zehn Meter pro Sekunde", erklärt Peter Schnieper. Auch Kone setzt vermehrt auf ganzheitliche Personenflusslösungen. "Wir sind ein Personenflussunternehmen", stellt Günter Baca klar. Als One-Stop-Shop bietet Kone neben Aufzügen und Rolltreppen auch Zutrittskontrollsysteme und Automatiktüren an. "Dazu vernetzen wir Zutrittssysteme und Türen mit Aufzügen. Smarte Gebäude erkennen so schon bei der automatischen Tür am Eingang, wer das Gebäude betritt und wo sein Ziel sein wird", erklärt Baca.

Der Aufzug wird immer mehr in die Gebäudekommunikation integriert.

Display informiert

"Der Aufzug wird immer mehr in die intelligente Gebäudekommunikation integriert", sieht Roman Teichert, Geschäftsführer von Otis Österreich, die Entwicklung. "Natürlich ist die Hauptaufgabe weiterhin der Personentransport, aber die hohe Frequenz der Fahrten und die unglaubliche Anzahl an Aufzugsnutzern bietet mittlerweile vielfältige Möglichkeiten für zusätzliche Funktionen", erkennt Roman Teichert noch viel Potenzial. "In unserem GeN2 Life installieren wir zum Beispiel mit dem eView ein Display, das unsere Kunden ganz einfach und von jedem PC oder Laptop aus mit eigenen Inhalten bespielen könne", so Teichert weiter. Die Kontaktaufnahme mit Bewohnern oder Gästen würde so maßgeblich vereinfacht werden.

Vernetzung hilft Hausverwalter

Die Digitalisierung macht Aufzüge heute wesentlich intelligenter. Zahlreiche Sensoren kontrollieren etwa die Betriebszustände der Anlagen. Unregelmäßigkeiten im Betrieb werden so erkannt und können, noch bevor es zu Problemen kommt, in Echtzeit automatisch an den Kundendienst weitergeleitet werden. Auch für die Hausverwalter ergeben sich dadurch Vorteile. Kone bietet etwa neben dem Aufzugsmanagement-Portal KONE Care Online auch eine App für Serviceaufträge an. "Hausverwalter sind nicht immer im Büro, mit der App können sie auch von unterwegs auf Aufzugsdaten zugreifen und Aufträge übermitteln", erklärt Baca. Auch Otis bietet eine internetbasierten Service-Plattform an. Damit könne man den Kunden "eine Nachvollziehung der Arbeiten und oberste Transparenz" anbieten, erklärt Roman Teichert.

Lifte werden günstiger

Die fortschreitende Automatisierung in der Aufzugstechnik wirkt sich auch positiv auf die Betriebskosten aus. Das teuerste bei der Wartung sei Arbeitszeit, erklärt Baca. Die Betriebskosten sind laut einer Branchenradar-Studie zwischen 1995 und 2006 um 25 Prozent geringer geworden. Auch der Aufzugseinbau wird laut Baca immer leistbarer, da die Industrialisierung der Aufzugsmontage wesentlich vorangetrieben wurde.

Sicherheit und Verfügbarkeit sind keine Zufallsprodukte

Energieeffizienz

"Der Aufzug ist eigentlich ein Kraftstehzeug", meint Günter Baca. Denn ein Lift würde mehr Strom beim Stehen verbrauchen, als beim Fahren. Die Möglichkeiten, Energie zu sparen, ist deswegen ein wichtiges Thema. Kone hat neben dem ersten Solaraufzug etwa einen Aufzug mit regenerativem Antrieb entwickelt, der, ähnlich wie bei einem Hybridauto, beim Bremsen Energie erzeugt. "Dabei wird beim Bremsen Strom zurück in das Netz gespeist", erklärt Baca. Schindler setzt beim höchsten Wolkenkratzer Hong Kongs, den 2010 eröffnete International Congress Center (ICC), ebenfalls auf Energieffizienz. Aufzüge werden dort bei Zeiten mit weniger Personenverkehr stillgelegt. "Jährlich werden dadurch 85.000 kWh Strom gespart", erklärt Peter Schnieper.

Forschung und Weiterbildung

Damit die Auzugsbranche auch für die Zukunft gerüstet ist, wird viel investiert. "Wir investieren aktuell einen hohen dreistelligen Millionenbetrag für Forschung und Entwicklung", erklärt Schnieper. Schindler forsche und entwickle genau dort, wo die großen Märkte sind: Europa, USA, Brasilien oder China. "Da wir nicht überall extrem hohe Testanlagen zur Verfügung haben, werden Schächte gemietet", so Schnieper weiter. Kone nützt in Finnland einen 350 Meter tiefen Schacht in einem Bergwerk als Testanlage. Auch in der Zentrale in Wien wird ein Testturm betriben. In zwei Testschächten werden neue Aufzugstechnologien getestet und Mitarbeiter geschult. Im Dezember wurde für die Mitarbeiterschulung zudem die Kone Akademie in Wien eröffnet. Dort stehen Simulatoren, wie etwa jener für die Anlage im DC-Tower, den Mitarbeitern zur Verfügung, um etwa Updates zu testen. "Das ganze Jahr gibt es Weiterbildungen für unsere Mitarbeiter", erklärt Baca. Eine Woche etwa verbringt jeder im Klassenzimmer. "Sicherheit und Verfügbarkeit sind keine Zufallsprodukte", betont Baca.

Einen Aufzug in den Weltraum

Für die Zukunft kann sich Baca auch horizontal bewegende Aufzüge vorstellen, die womöglich auch die Autos ablösen. "Die Welt der Zukunft wird nicht mit Autos funktionieren", ist Baca überzeugt. Die NASA hat zudem Wettbewerbe mit hohen Preisgeldern zum Thema Weltraumlift ausgerufen. Der Zukunft des Aufzuges sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.

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