Immobilien Magazin
Thomas Rohr

Von der Erbsünde zur Erlösung oder: Die österreichische Mietengesetzgebung

Volles Rohr – von und mit Thomas Rohr

Die sündige Frucht vom Baum der Erkenntnis war die Überzeugung, dass der Markt nicht gerecht sei. Als „gerechter“ Zins wurde uns der Friedenskronenzins 1914 für 60 Jahre verordnet.

Wie sauer die Folgen des Genusses dieses Apfels waren, wollen wir nachstehend darstellen: Was für die Mieter zunächst ein süßes Rauschgift war – so billig wie seit 1951 (1 Fkr = 1 S) war das Wohnen noch nie zuvor –, mündete schließlich in Verfallserscheinungen der Substanz und in sozialen Konflikten: » Häuser und Wohnungen verfielen und die Medikamente dagegen (Wohnungsverbesserungs- und Wohnhaussanierungsgesetz) waren später unverhältnismäßig teuer (nicht für den Süchtigen, sondern für den Steuerzahler). Zustand des Hauses und seiner Wohnung (Substandard und Bassena) waren dem Mieter gleichgültig, das Wohnen, ein Grundbedürfnis, durfte nichts kosten.

» Der Mieter war abhängig, da er nach Zahlung einer verbotenen Ablöse seine Wohnung nicht mehr aufgeben konnte. Den Preis für die mangelnde Flexibilität der Arbeitskräfte hatte die gesamte Volkswirtschaft zu tragen.

» Die einzig verbleibenden Erträge, nämlich verbotene Ablösen und Kickbacks bei Reparaturarbeiten, wurden naturgemäß nicht versteuert, der gesamte Wirtschaftssektor trug nichts zum Steueraufkommen bei.

Die „verbotene Ablöse“ blieb harte Praxis, solange das Gesetz bestand, nämlich bis 1982. Das schönste Erlebnis des Vermieters war in dieser Zeit der Erhalt der Parte, sofern keine Eintrittsberechtigten angeführt waren. Die richtige oder falsche Darstellung des Eintrittsrechtes entwickelte sich zum beliebten Gesellschaftsspiel.

» Hauseigentümer, Vermieter und Hausverwalter wurden so zu dauernden Gesetzesbrechern, was man politisch anprangern konnte. Tatsächlich hatten sich alle Marktteilnehmer (inkl. der Mieterschutzvereinigungen) an die verbotenen Praktiken durch Jahrzehnte hindurch so gewöhnt, dass z. B. die verbotene Ablöse als selbstverständlich und nicht einmal als Kavaliersdelikt galt.

» Der dauernde Konflikt zwischen Mietern und ihrem Klassenfeind führte dazu, dass bis heute ein Heer von Rechtsanwälten, Richtern und Mieterschutz-Vereinigungen Beschäftigung fand und findet.

Für die Hauseigentümer bedeutete die rigorose Beschränkung der Mietzinse eine Enteignung der Erträge ohne Entschädigung. Seinerzeit am meisten davon betroffen waren die Hauseigentümer kleinerer Häuser, meistens selbstständige Handwerker, die sich aus ihrem Lebensverdienst durch Kauf eines Hauses die Altersversorgung sichern wollten. Dieses Milieu neigte später zu extremen politischen Parteien.

Die weiteren Auswirkungen der Erbsünde und eine mögliche Erlösung von derselben sollen in den weiteren Ausgaben dargestellt werden. «