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Thomas Malloth

Von Doern, Viewern, 26,3 Meilen oder doch 42,195 Kilometern

Der Triathlet von Thomas Malloth

Es ist 4:30 Uhr und ich weiß nicht, was mich reitet, gerade den New York Marathon laufen zu müssen. Immerhin: Meine Frau und eine Gruppe besonders lieber Kollegen sind auch dabei. Es ist um die null Grad, der Wind macht daraus gefühlte minus fünf. In schwarze, adrette Mistsäcke gehüllt, oben und an der Seite für Kopf und Arme ausgeschnitten, warten wir gemeinsam mit 60.000 anderen auf das unvermeidliche „New York, New York“. Meine Frau startet ganz vorne, ich, ebenso gefühlt, „ganz hinten“. Die alte Kanone aus dem Bürgerkrieg rammt ihren dunklen Knall über den Hudson und während wir von Staten Island weg über die Brücke laufen, schweifen meine Gedanken ab. Gestern hat mich meine Tochter gefragt: „Papi, warum tust du das?“ Zuerst bin ich ausgewichen, auf ihr nachfassendes Bohren hin habe ich ihr Recht gegeben. „Man wird sich wohl etwas beweisen wollen.“ Aber was?, überlege ich auf dem langen Weg durch Brooklyn.

Mir fällt zuerst die Frage ein: „Laufen mehr Menschen zwischen den Absperrungen des Marathons oder sehen mehr Menschen draußen zu?“ Es wird wohl mehr Zuseher geben. Heißt nicht, dass jeder Marathon laufen sollte, heißt schon, dass nur Tun die Welt das kleine Stück weiter bringt, nicht Zusehen, das denke ich bei mir zu wissen. Wir sind nur kurz in Queens, vor allem die Oberschenkel schmerzen schon eine ganze Weile. Aber die Zuseher hier in NY sind etwas besonderes. Sie sind Amerikaner. Wir sind ihnen wichtig, das geben sie uns zu verstehen. Sie singen und tanzen am Streckenrand, es ist geradezu unglaublich. 180 Bands würgen für uns die Gitarren und bearbeiten ebenso viele Schlagzeuge. Das sind keine eingekrampften Viewer, das sind ebenso Abertausende Doer. Vielen sehe ich in die Augen und wenn sie es merken, rufen sie „Go for it“ und ich laufe. Die First Avenue ist verdammt lang und wir haben schon an die 30 Kilometer in den Beinen. Vor mir, hinter mir, rund um mich sind lauter Individuen, die beschlossen haben, anders zu sein. Jedes unterscheidet sich vom anderen und das sichert das Überleben in diesem langen Menschenstrom. Alle werden eine andere Zeit laufen, alle etwas anderes denken, alle ihre Füße anders auf den Asphalt setzen als ihr Vordermann.

Gleichsein oder Gleichmachen hieße Sterben, hier ist aber alles so unglaublich vielfältig und lebendig. Das ist nicht mehr Schopenhauers „Glück ist die Abwesenheit von Schmerz“, das ist pulsierendes Leben und Erleben. Kurz vor dem Central Park stellt sich die Strecke nochmals auf. Die Schritte werden kleiner, der Korridor im Kopf und jener der Zuseher enger. Wir biegen rechts ab, noch 300 Yards bis zum Ziel. Es ist unser gemeinsames Ziel, denn wir sind nicht gelaufen, um besser, nur um anders zu sein. Ich überquere die Ziellinie, stolz lasse ich mir die Medaille umhängen und dann denke ich mir für diesen Tag ein letztes Mal: „Egal, was du tust oder tun willst, alles beginnt mit einem einzigen kleinen Schritt“ und „nach dem Marathon ist vor dem Marathon“

meint herzlichst

Ihr Triathlet

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