Immobilien Magazin

Wertsteigerndes Grossstadtgemüse

Die letzte Seite, von Thomas Rottenberg

Ein gerade entstehender „Gemeinschaftsgarten“ ist der erste in Wien zentral sichtbare Ableger eines globalen Stadt-Trends. Dabei ist „Urban Farming“ gar nicht so neu, wie es vielleicht scheinen mag.

Jeder Garten ist ein Experiment. Und genau deshalb macht sich Simone Rongitsch auch keine Sorgen: Der Garten der „Salat Piraten“, ist die Wiener Raumplanerin sicher, wird blühen, wachsen und gedeihen – und vor allem dass er im mutmaßlich dunkelsten, tristesten und ungrünsten Eck des siebten Wiener Gemeindebezirks entsteht (oder doch: entstehen soll?), findet Rongitsch spannend: „Wenn es uns gelingt, hier Obst, Gemüse und Kräuter anzubauen, ist das der Beweis dafür, dass der Widerspruch zwischen Stadt und Garten nur in den Köpfen existiert.“ Rongitsch findet an ihrem Gartenprojekt in der Neubauer Kirchengasse nur eines „bedauerlich“: Ohne Zaun wird es nicht gehen, „weil sonst halt alles sofort geklaut wird“. Oder – aber das sagt die junge Frau natürlich nicht so – die Hundebesitzer der Region sonst wohl keinen Grund sähen, ihre Lieblinge nicht weiterhin hinter der Müllsammelstelle zwischen Burg- und Neustiftgasse das 300 Quadratmeter große, denkbar unattraktive städtische Grundstück „verminen“ zu lassen. Dass das triste Eck offiziell und laut Widmung ein öffentlicher Park ist, hat sie davon ja auch nicht abgehalten. Obwohl: Auch Nicht-Hundebesitzer haben in dem traurigen Flecken Erde noch nie den Park erkannt. „Unseren Garten“, ist Rongitsch optimistisch, „wird man aber nicht übersehen können.“ Davon, dass viele „echte“ Wiener sich spätestens jetzt an die Stirn tippen, lässt sich die 27-Jährige nicht irritieren: Im Gegensatz zu denen weiß die aus dem burgenländischen Seewinkel stammende TU-Absolventin nämlich ganz genau, wovon sie spricht: Der Garten, den Rongitsch hier gerade zusammen mit rund 30 Gleichgesinnten unter dem Vereinsnamen „Salat Piraten“ (und mit dem Wohlwollen der Stadtverwaltung) entstehen lässt, ist in allerbester Gesellschaft. Auf der ganzen Welt schießen sogenannte „Gemeinschaftsgärten“ derzeit aus den Stadtböden – in unterschiedlichen Größen und mit oft sehr unterschiedlichen Ansätzen. Gärtnerisch, sozial, ökologisch, politisch oder schlicht urban-hedonistisch. Eines ist aber all diesen „Urban Gardening“- und „Urban Farming“-Initiativen gemein. Egal, ob sie sich in Detroit auf verlassenen Industriearealen breit machen, in New York Dachterrassen begrünen, in Berlins ehemaligem Flughafen Tempelhof öko-schickes Bio-Gemüse züchten, in München, Kopenhagen, London, Hamburg oder sonst wo Innenhöfe und „G’stetten“ kultivieren oder in den Favelas von Buenos Aires den Ärmsten der Armen Hilfe zur Selbsthilfe vermitteln: Sie zeigen, dass kein Flecken Großstadt so grau und zubetoniert ist, dass nicht auch dort Pflanzen existieren, wachsen und gedeihen könnten. Denn auch wenn es pathetisch klingt: Pflanzen tun gut. Der Stadt und den Menschen, die in ihr leben. Unabhängig davon, ob die Stauden und ihre Früchte „nur“ der Erbauung oder doch der Ernährung dienen. Unabhängig davon, ob man selbst gärtnert oder nur mitbekommt, dass da etwas wächst.

Natürlich: Was heute in der westlichen Wohlstandswelt als schicker Anglizismus durch Lifestyle-Gazetten geistert und Feuilleton-Schreiber verschwurbelte Trendsprech-Formulierungen abringt wie „Sie sind jung, sie tragen Notebook und Handy stets bei sich, und sie gehen in den Garten, wo sie gemeinsam mit anderen Gemüse anbauen“, ist keine Erfindung der 2010er-Jahre. Denn Landwirtschaft und Stadt waren nie wirklich Antagonisten, und auch die Sehnsucht vieler moderner Stadtgärtner nach nachhaltig, (selbst‑)kontrolliert und lustvoll angebauten Paradeisern, Karotten oder Kräutern auf der Terrasse oder im Hinterhof ist vom ursprünglichen Selbstversorger-Gedanken der Schrebergartenbewegung vielleicht gar nicht so weit entfernt. Auch wenn die permanente Verfügbarkeit von „anonymem“ Gemüse im Supermarkt im ersten Moment etwas anderes suggeriert und der Gedanke an Salat aus dem dunklen Loch in der Kirchengasse das Öko- und Bio-Herz nicht zwingend schneller schlagen lässt. Das wissen natürlich auch Simone Rongitsch’ „Salat Piraten“ und werden beim Anbau von egal was in ihrem Garten (das Areal wurde ihnen vom Wiener Stadtgartenamt für zunächst zwei Jahre überlassen) deshalb nicht nur testen, was da außer Vitaminen noch alles im Blatt ist, sondern ihre Saat auch nicht in den – vielleicht ja nicht nur von Hunden kontaminierten – Boden ausbringen: So wie fast in allen zentral gelegenen Stadt-Gärten wird auch in Wien mit Hochbeeten gearbeitet. Gurken und Salat werden in Kisten auf Regalen wachsen. Kräuter und Bohnen sich in an Zäunen und Bäumen aufgehängten Tetrapaks ranken. Und dass alte Autoreifen ganz hervorragende Kartoffel-Anbauplätze sind, haben hunderte, wenn nicht tausende Urban-Gärtner schon vor den Wiener „Salat Piraten“ festgestellt. (Es gibt – das der Komplettheit halber – auch in Wien schon eine Handvoll Gemeinschaftsgärten. Aber die meisten liegen in Außenbezirken oder verstecken sich in Innenhöfen.) Spannend an ihrem Projekt, betont Rongitsch, sei für sie nur in zweiter Linie die Ernte vor Ort: Die Salat-Piratin freut sich auch auf und über „Nachahmungstäter“. Denn dass dort, wo einer in der Stadt zu gärtnern beginnt, bald viele andere nachfolgen, hat Rongitsch – lange bevor sie Salat-Piratin wurde – untersucht und belegt. Rongitsch’ Diplomarbeit über die Gemeinschaftsgärten in Argentiniens Hauptstadt („Urbane Landwirtschaft in Buenos Aires.

Entwurf einer produktiven Stadtlandschaft durch Integration von urbanen Landwirtschaftselementen zur Neudefinierung und Sicherung der Freiräume in Piedra Buena“; Departement für Raumentwicklung, Infrastruktur und Umweltplanung der TU-Wien; 2012) ist mittlerweile ausgezeichnet worden und gilt als eine der fundiertesten wissenschaftlichen Erhebungen und Auseinandersetzungen mit der Wiederentdeckung urbaner Landwirtschaft als städtebaulichem, stadtplanerischem, aber auch stadtpolitischem Element: Die gärtnerische „Besetzung“ ungenutzer Zonen, betont Rongitsch, verhindere nämlich nicht nur unerwünschten „Wildwuchs“, etwa das Entstehen illegaler Siedlungen auf Brachflächen in südamerikanischen Städten. Sie definiert auch Wohlbefinden und Wertigkeit von Wohn-, Arbeits- und Lebensräumen. Sei es die – messbare – höhere Zufriedenheit von Mitarbeitern diverser New Yorker Büros, die auf den Dächern ihrer Office-Türme nach dem Wachstumsstand „ihrer“ Kräuter im Kräutergarten sehen. Sei es die Sinn- und Zusammengehörigkeitsgefühl stiftende Zwischennutzung von „nutzlos“ gewordenen Flächen (eben etwa des Tempelhof-Areals in Berlin oder von Industriezonen in Detroit), die hilft, Abwanderung und Leerstände hintanzuhalten. Oder sei es das Wahrmachen eines Traumes, den viele Wohnungssuchende für nicht realisierbar halten: „In allen Umfragen ist der Garten etwas, wonach sich Stadtbewohner sehnen“, weist Rongitsch auf ein – in ihren Augen – von Immobilienentwicklern und Hausbesitzern im innerstädtischen Bereich wenig beachtetes Potenzial hin: „Egal ob vor der Haustür, im Innenhof oder am Dach: Ein Stadt-Garten braucht weder viel Platz noch hohe Investitionen, aber er zahlt sich aus. Eine höhere Wohn- und Lebensqualität bedeuten ja auch eine Wertsteigerung, und das bringt eine höhere Rendite.“ Und vielleicht auch noch das eine oder andere Häuptel Salat. «