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Wie die Treppe Filmgeschichte (mit) geschrieben hat

Der Aufzug hat Großes geleistet - in der Menschheits- ebenso wie in der Filmgeschichte. Heute aber wollen wir uns mit einer architektonischen Errungenschaft beschäftigen, die in ihrer Bedeutung oft unterschätzt wird: die Treppe.

Autor: Barbara Wallner

Scarlett fühlt sich beobachtet - eigentlich steht sie gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, aber dieser Mann am Fuß der Treppe, lässig an das Geländer gelehnt, ist anders. Sein Blick ist nicht die unterwürfige Bewunderung, die sie sonst gewohnt ist. Es ist der Auftakt einer der großen Liebesgeschichten in Literatur und Film ("Vom Winde verweht", 1939). Auch wenn viele Aspekte der "Ode an den alten Süden" aus heutiger Sicht absolut untragbar sind.

Außerdem ist die Geschichte von Rhett und Scarlett eine, die sich über wesentliche Abschnitte auf Treppen abspielt. Vor allem die opulente Treppe ihres Stadthauses in Atlanta ist Bühne für großes Beziehungsdrama - sie symbolisiert den Reichtum der beiden und die emotionale Entfremdung, die sich dahinter verbirgt. Sie führt hinauf in das Schlafzimmer, in das Rhett die sich wehrende Scarlett trägt in etwas, das man heute nur als eheliche Vergewaltigung bezeichnen kann. Sie kostet die beiden ein Kind, als Scarlett im Streit stürzt. Und schließlich ist sie Schauplatz der finalen Trennung, als Rhett dem gemeinsamen Leben schließlich den Rücken kehrt und Scarlett einen letzten erfolglosen Versuch unternimmt, die Treppe und damit die Entfernung zwischen den beiden zu überwinden.

Die Treppe als Inszenierungselement

Die erste bedeutende Treppe der Filmgeschichte findet sich in Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" (1925), wo sie Schauplatz eines Massakers der zaristischen Armee an der Bevölkerung wird. Legendär geworden ist der Kinderwagen, der unaufhaltsam die Stufen hinunterfährt, ultimatives Symbol der Hilflosigkeit gegen willkürliche Gewalt. Brian de Palma wird Treppe, Kinderwagen und Schießerei später in den "Unbestechlichen" (1987) zitieren.

Insbesondere Wendeltreppen werden in ihrer scheinbaren Endlosigkeit gerne als unüberwindbare Hindernisse eingesetzt: In Hitchcocks "Vertigo" (1958) für James Stewarts Höhenangst, in "American Psycho" (2000) für die erfolglose Flucht einer Prostituierten, die am falschen Ende einer Kettensäge endet. Auf Treppen entwickeln sich Charaktere weiter: Rocky Balboa ("Rocky", 1976) erklimmt nach zermürbendem Training die 72 Steinstufen zum Kunstmuseum von Philadelphia und bejubelt seinen ersten Sieg - den über sich selbst. Joaquin Phoenix tanzt als "Joker" (2019) in einer grotesken Abwandlung von Fred Astair eine Treppe in Brooklyn hinab und besiegelt damit seinen Abstieg in die Welt der geisteskranken Oberbösewichte. Auf Treppen zeigen und verändern sich die Beziehungen von Personen zueinander, schön zu beobachten etwa in "The Big Bang Theory" (2007 - 2019), wo die Abwesenheit eines Aufzuges zum Storykatalysator wird.

Treppen sind Symbol für Veränderung, für Überwindung, Auf- und Abstieg. Sie bieten eine wunderbare Möglichkeit auf andere herabzusehen, machen Hierarchien sichtbar. Sie sind Orte der Begegnung und der Selbstinszenierung. Und so wird eines der ältesten architektonischen Elemente der Menschheitsgeschichte zur Triebfeder einer der großen neuen Kunstformen des 20. Jahrhunderts .