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Zimmer mit Aussicht

Der Erste Campus in Wien führt vor Augen, wie neue Arbeitswelten aussehen können. Jetzt wurde das Projekt mit dem 1. "Office of the year"-Award ausgezeichnet.

Autor: Barbara Bartosek

Wenn die Erste Group IT-Mitarbeiterin Gudrun Girnus am Morgen den Erste Campus betritt, weiß sie zwar, in welchem Büro sie sich einfinden wird, nicht aber, welche Aussicht sie an diesem Tag genießen darf. DASS sie eine Aussicht haben wird, steht allerdings fest. Denn jeder einzelne Arbeitsplatz verfügt über diesen besonderen gemeinsamen Nenner. Nicht lapidar ein Fenster, wo mäßig Tageslicht eindringen kann, nein. Die Büros sind alle so ausgerichtet, dass jeder Arbeitsplatz über eine Sichtachse ins Stadt- und Nachbarschaftsgeschehen verfügt. Die Erste Group zeigt so mit ihrem neuen Standort, dem Belvedere Campus, wie unsere Arbeitswelt zukünftig aussehen kann und hoffentlich auch wird - und holt alle erdenklichen zukunftsweisenden Ideen in die Gegenwart.

Detailliert und wohldurchdacht

Die Komplexe für die derzeit 4.500 Mitarbeiter der Gruppe, die auf dem ehemaligen Gelände des Wiener Südbahnhofs am Areal des Quartier Belvedere errichtet wurden, präsentieren sich detailliert wohldurchdacht und offenherzig. Die Grundstücksfläche von 25.000 Quadratmetern diente für die Entwicklung von 165.000 Quadratmetern Bruttogeschoßfläche. Die geschwungenen Bauten wirken von außen fast durchsichtig. Insbesondere am Abend, wenn die Büros hell erstrahlen, erkennt man jene Transparenz, die mit diesem neuen Standort besonders hervorgestrichen werden soll. Ein überaus kluger wie sympathischer Zug für eine Unternehmensgruppe, in deren Mitte eine Großbank steht. Geplant wurde das neue Headquarter von Henke Schreieck Architekten. Die Durchlässigkeit zum Stadtraum hin als identitätsstiftender Faktor sowie ein Brückenschlag zur Natur standen im Mittelpunkt der architektonischen Überlegungen.

Clean Desk. Aktenberge und Unordnung am Schreibtisch gehören im Erste Campus der Vergangenheit an. Die Utensilien wandern nach jedem Arbeitstag in das frei wählbare verschließbare Fach.

Drehscheibe CEE

Der Standort der neuen Zentrale liefert auch historische Symbolik: Als wichtigste Verkehrsdrehscheibe verband er einst über viele Jahrzehnte Österreich mit den Ländern Zentral- und Osteuropas. Die Auswahl des Standortes hat für Treichl daher eine klare strategische Komponente: "Wir sind als führende Bank in Zentral- und Osteuropa nun auch mit unserem Headquarter geografisch näher an diese Länder herangerückt. Gleichzeitig bleiben wir unserer Herkunft als österreichisches Traditionsbankhaus treu." Zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte sind alle Tochtergesellschaften und Mitarbeiter an einem Standort vereint. Das bringt ganz neue Arbeitsmöglichkeiten und Synergien mit sich. Von ideellen Faktoren abgesehen, fangen die positiven Effekte schon bei greifbaren Kennzahlen an, ins Gewicht zu fallen: So liegen die Betriebskosten des neuen Campus um 20 Prozent unter den kumulierten Kosten der verstreuten Standorte. Bildlich gesprochen: Ein essenzieller Aufwandsposten, denn das Areal beherbergt mehr Mitarbeiter, als Bad Aussee Einwohner zählt.

Wir sind mit dem neuen Head Quarter näher an CEE-Länder gerückt. - Andreas Treichl

Arbeitsflexibilität in Reinform

Weitere Vorteile: Ein unkompliziertes Zusammenarbeiten der Mitarbeiter ist hier nicht nur aufgrund der Zusammenlegung der Tochterunternehmen möglich. Hier herrscht "Clean Desk"- Politik - denn ihre Arbeitsplätze können die Mitarbeiter täglich dort neu aufschlagen, wo es gerade am meisten Sinn macht. Am Abend wandern die persönlichen Arbeitsutensilien dann in ein absperrbares (ebenso frei wählbares) Fach. Eine Kultur, an die man sich anfangs gewöhnen muss, die aber laut Michael Mauritz, Kommunikationschef der Erste Group, schnell adaptiert wurde und bereits fruchtet. Aktenberge und Unordnung gehörten damit der Vergangenheit an und fordern mitunter die Disziplin der Mitarbeiter heraus. Flexibilität bringt eine Vielzahl von Benefits, fordert, ja "kostet" aber auch besonderes Engagement aller Beteiligten. Dass die Transparenz und Offenheit der neuen Arbeitsumgebung nicht ausschließlich von Anfang an Fans unter der Belegschaft hatte, liegt in der Natur der Sache. Viele Vorbehalte der Mitarbeiter konnten aber nach einigen Wochen aus der Welt geschafft werden, wie auch der Betriebsrat der Unternehmensgruppe bestätigten konnte. Freilich, die neue Arbeitsweise bringt neben den vielen Vorteilen auch neues Konfliktpotenzial. Wer es allerdings nicht vermag, innerlich von der Idee des scharf abgesteckten eigenen Reviers abzurücken, wird sich auch dauerhaft nicht für moderne Arbeitswelten erwärmen können. Die personalpolitischen Vorteile überwiegen, auch aus Sicht des Betriebsrates. Abgesehen von flexibel wählbaren Arbeitsplätzen gibt es ausreichend Rückzugsmöglichkeiten - für ungestörte Telefonate, für Besprechungen und (Denk-)Pausen. Und die einzelnen Büroeinheiten sind in Lautstärkenzonen eingeteilt. Je tiefer man in die Einheit eindringt, desto größer der Anspruch an ein ruhiges Arbeitsklima. In der Planungsphase wurden die Mitarbeiter einbezogen. In allen Abteilungen gab es einen Ansprechpartner, der stellvertretend für die Interessen seiner Kollegen mitgestalten durfte. Was auch deutlich wird, ist die beständig kommunizierte Offenheit des Unternehmens - auch zu den Stakeholdern, zur Öffentlichkeit hin. Neben den Kantinen im ersten Stock des Komplexes befinden sich im Erdgeschoß ein breites gastronomisches Angebot, ein Geldmuseum sowie Verweilplätze, die auch für Passanten zugänglich sind. Besonders das Bruderlokal des Szene-Asiaten "Mochi", das unter dem sternedekorierten Küchenchef Alfred Schoch geführte "Iki", zieht Publikum von außen an.

Offenheit und Nachhaltigkeit

Aber zurück zu einigen Fakten: Als Projektentwickler und Bauherr fungierte die Immorent, die Immobilientochter der Erste Group. Im Zuge des Baus wurden in Summe Aufträge an rund 1.000 Firmen vergeben. Henke Schreieck Architekten waren die Headplaner. Die Entwicklung des Bürokonzepts wurde vom Berliner Büro Kinzo gesteuert. Bei den Bauarbeiten wurde zu 100 Prozent grüner Strom bezogen und bei der Auswahl der Materialien größter Wert auf ökologische Nachhaltigkeit gelegt. Die Hölzer für die Fassade stammen aus nachhaltiger Holzwirtschaft. Das Gebäude ist barrierefrei eingerichtet. Die Doppelfassaden sind mit außenliegendem Sonnenschutz versehen, die Fenster lassen sich öffnen. Bei der Beleuchtung wurden energiesparende LED verwendet, die Aufzugssysteme arbeiten mit Energierückgewinnung. Dafür gab es von der Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI) im Dezember 2012 das Zertifikat "Platin". Trotz des Infrastruktur-Angebots hat man hier nicht das schale Gefühl, dass die Mitarbeiter zu Abhängigen gemacht werden, die sich ein (Arbeits-)Leben außerhalb des Campus nicht mehr vorstellen können. Im Gegenteil. Da die Menschen zum täglichen Neugestalten ihrer Arbeitsumgebung angehalten sind, wird auch ihre Selbstständigkeit gefördert. Also ist der Campus vielleicht eher sogar eine Kaderschmiede von neuen Selbstständigen und Unternehmern - wer weiß?

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